Geld
I. Geschichtliche Entwicklungen in Deutschland, England und China
In der griechischen Mythologie wird uns vom König Midas berichtet, der Dionysos, den Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase – auch Bacchus genannt - zu Gast hatte. Dionysos erwies sich seinem Gastgeber mit der Erfüllung eines Wunsches dankbar. Midas, der König von Phrygien, erbat sich, dass alles was er anfasse, sich in Gold verwandeln möge. Zu spät erkannte er die Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Er konnte nun weder essen noch trinken, weder lieben noch sich warm halten, da Speise und Trank, Frauen und Kleidung durch seine Berührung in kaltes, starres Gold verwandelt wurden. Er hatte sich somit den eigenen Tod herbei gewünscht.
Im Folgenden wird nicht mehr vom Gold, sondern vom Geld die Rede sein. Geld steht stellvertretend für Gold. Es handelt sich hierbei nicht um eine Metapher, sondern um eine bis in die 1970er Jahre praktizierte Währungskonstruktion, die ursprünglich eine eins zu eins Bindung des Geldes an Gold und später nur noch eine Eintauschbarkeit der Landeswährungen in Gold vorsah.
In drastischer Weise legt uns die griechische Mythologie nahe, dass wir es mit einer wichtigen und gefährlichen Sache zu tun haben. Dies wird auch von Ernest Bornemann bestätigt, der die Geschichte vom König Midas für das prägnanteste Lehrstück der alles Vitale negierenden Wirkung des Geldes hielt. Doch trotz dieser warnenden Hinweise ist Geld bis in die Gegenwart ein Mythos geblieben. Da haben auch Volksweisheiten wie „Geld macht nicht glücklich“ oder der Satz „Der Mensch ist ein geldgieriges Tier, und diese Eigenschaft kommt allzu oft seiner Güte in die Quere“ aus Herman Melvilles „Moby Dick“ nicht viel bewirkt. Im Gegenteil: Es scheint sich eher die Einsicht von Margarete in Goethes Faust zu bestätigen: „Nach Golde drängt, // Am Golde hängt // Doch alles. Ach wir Armen!" - (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Vers 2802 ff. / Margarete).
Heute stehen wir vor der Feststellung und der Frage: „Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?“ Nachfolgend möchte ich das Thema Geld kurz unter allgemeinen Aspekten und ausführlicher unter dem Aspekt seiner Wirkung innerhalb von Werteordnungen betrachten: In welchem Verhältnis steht Geld zu den Wertestrukturen, die Menschen und ihre Kulturen prägen? Gibt es Gesetzmäßigkeiten, die uns bessere Erklärungen über das Wesen des Geldes liefern, als die gängigen Erklärungsmuster der Psychoanalyse, wonach der individuelle Charakter im Bezug auf das Geld schon durch die Reinlichkeitserziehung des Kleinkinds bestimmt wird oder sind die Triebkräfte, die unser Verhältnis zum Geld bestimmen etwa auf der Ebene des Religiösen zu suchen, wie es der amerikanische Philologe Norman O. Brown suggerierte? Lassen sich Optionen für ein grundlegenderes und/oder gezielteres Verständnis ableiten, wie es der Verlauf der Geschichte des Geldes nahe legt?
Vorschläge zu einer Reform des Weltfinanzsystems oder auch zur Ergänzung des Weltsystems durch regionale Währungen gibt es aus verschiedenen Beweggründen und mit unterschiedlichen Erklärungsmustern. Bevor ich eine kurze Übersicht über diese Lösungsansätze gebe, möchte ich zum besseren Verständnis des Geldes einige allgemeine Ausführungen zitieren, die den Bedeutungsraum des Geldes grob umgrenzen und damit das Spektrum der möglichen Einflussnahmen andeuten.
Was ist Geld?
Nach der Definition des Brockhaus ist Geld ein „allgemeines, meist staatlich anerkanntes oder eingeführtes Mittel des Zahlungsverkehrs. Das lateinische Wort pecunia (Geld) wird in der Regel auf pecus (Vieh) zurückgeführt; es weist auf den sakralen Ursprung des Geldes als den Ersatz für das Opfertier hin, das auf der Münze abgebildet wurde.
Die neuere Theorie betrachtet das Geld als wirtschaftliches Gut (Tauschgut), dessen Nutzen darin liegt, das Bedürfnis nach Tauschmöglichkeit (Liquidität) zu befriedigen. Sie definiert das Wesen des Geldes nach seinen Funktionen, wobei die Geldeigenschaft nicht von Stoff, Herkunft und Bezeichnung des Geldes abhängt. Eine abstrakte Funktion des Geldes ist die der Recheneinheit; damit ist es zugleich Wertmaßstab (der in Geldeinheiten ausgedrückte Wert ist der Preis) für alle ökonomischen Güter und Leistungen. Die konkreten Funktionen des Geldes sind 1) die eines allgemeinen Tauschmittels, die das Geld auch dann erfüllen kann, wenn es lediglich durch Verkehrssitte anerkannt und in Geltung ist; 2) die eines Wertaufbewahrungsmittels (Wertspeicherungsmittel), wodurch auch seine Tauglichkeit zur Wertübertragung gegeben ist; 3) die eines gesetzlichen Zahlungsmittels zur Erfüllung privatrechtlicher Verpflichtungen (Kauf, Darlehen, Schadensersatz usw.) wie auch öffentlich-rechtlicher Verpflichtungen (Steuern, Strafen usw.), wozu es allerdings staatlich verliehener Rechtskraft bedarf.“
Aus philosophischer Sicht ist die von dem Philosophen und Soziologen Georg Simmel verfasste „Philosophie des Geldes“ auch heute noch von großem Erkenntnisgewinn. Hierin „entwickelt Simmel im Jahr1900 sehr anschaulich die These, dass das Geld immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft, die Politik und das Individuum erhalte. Die Verbreitung der Geldwirtschaft habe den Menschen zahlreiche Vorteile gebracht, wie die Überwindung des Feudalismus und die Entwicklung moderner Demokratien. Allerdings sei in der Moderne das Geld immer mehr zum Selbstzweck geworden. Sogar das Selbstwertgefühl des Menschen und seine Einstellungen zum Leben werden durch Geld bestimmt.
Seine Aussage: Geld wird Gott, indem es als absolutes Mittel zu einem absoluten Zweck werde, veranschaulicht Simmel durch ein prägnantes Beispiel: Die Banken sind inzwischen größer und mächtiger als die Kirchen. Sie sind zum Mittelpunkt der Städte geworden. Alles sinnlich Wahrnehmbare hat mit Geld zu tun. Der Mensch habe jedoch die Freiheit, nach Dimensionen zu streben, die mehr als Geld sind. Dies kann durch die Bildung solidarischer Gemeinschaften, die sich mit dem Geistesleben auseinandersetzen, geschehen. Durch Handeln kann die Macht des Geldes, beispielsweise in der Kultur, eingeschränkt werden. So arbeitet ein Künstler nicht allein des Geldes wegen, sondern um sich in seiner Arbeit geistig selbst zu verwirklichen.“ Soweit die Zusammenfassung zu Simmels Geldphilosophie aus der Wikipedia.
Bezüglich der Eigenschaft des Geldes, sich an bestimmten Orten zu konzentrieren und sich mit allen nur möglichen Werten zu vergesellschaften möchte ich Simmel selbst zu Wort kommen lassen: „Das Geld steht vermöge der Abstraktheit seiner Form jenseits aller bestimmten Beziehungen zum Raum: es kann seine Wirkungen in die weitesten Fernen erstrecken, ja es ist gewissermaßen in jedem Augenblick der Mittelpunkt eines Kreises potenzieller Wirkungen; aber es gestattet auch umgekehrt, die größte Wertsumme in die kleinste Form zusammenzudrängen – bis zu dem 10-Millionen-Dollar-Scheck, den Jay Gould einmal ausstellte. Der Komprimierbarkeit der Werte vermöge des Geldes, und des Geldes vermöge seiner immer abstrakteren Formen entspricht nun die der Geldgeschäfte. In dem Maß, in dem die Wirtschaft eines Landes mehr und mehr auf Geld gestellt wird, schreitet die Konzentrierung seiner Finanzaktionen in großen Knotenpunkten des Geldverkehrs vor. Von jeher war die Stadt im Unterschied vom Lande der Sitz der Geldwirtschaft; dies Verhältnis wiederholt sich zwischen Klein- und Großstädten, so dass ein englischer Historiker sagen konnte, London habe, in seiner ganzen Geschichte, niemals als das Herz von England gehandelt, manchmal als sein Gehirn, aber immer als sein Geldbeutel; und schon am Ende der römischen Republik heißt es, jeder Pfennig, der in Gallien ausgegeben werde, gehe durch die Bücher der Finanziers in Rom. An dieser Zentripetalkraft der Finanz hängt das Interesse beider Parteien: der Geldnehmer, weil sie wegen der Konkurrenz der zusammenströmenden Kapitalien billig borgen (in Rom stand der Zinsfuß halb so hoch als sonst durchschnittlich im Altertum), der Geldgeber, weil sie das Geld zwar nicht so hoch, wie an isolierten Punkten, ausleihen, aber des Wichtigeren sicher sind, jederzeit überhaupt Verwendung dafür zu finden; weshalb man denn auch bemerkt hat, dass Kontraktionen des Geldmarktes im Zentrum desselben immer schneller überwunden werden, als an den verschiedenen Punkten seiner Peripherie. Indem das Geld diese, seinem Wesen als Tendenz innewohnende Zentralisierung gefunden hat, hat es das Präliminarstadium überwunden, in dem es sich nur in den Händen zerstreuter Einzelpersonen akkumulierte. Gerade der durch das Geld ausgeübten Übermacht Einzelner hat die Zentralisierung des Geldverkehrs an den Börsen entgegengewirkt; so sehr die Börsen von Lyon und Antwerpen im 16. Jahrhundert einzelnen Geldmagnaten enorme Gewinne ermöglichten, so war doch mit ihnen die Macht des Geldes in einem Zentralgebilde objektiviert, dessen Kräfte und Normen auch dem mächtigsten Einzelnen überlegen waren und es verhinderten, dass je wieder ein einzelnes Haus den Gang der Weltgeschichte so bestimmte, wie die Fugger es noch konnten. …. In Deutschland entstand eine hauptsächliche Nachfrage nach Geld durch die Jahrmärkte, die die Territorialherren einrichteten, um an Münztausch und Warenzoll zu profitieren. Durch diese zwangsweise Konzentrierung des Handelsverkehrs eines größeren Territoriums an einem Punkte wurde Kauflust und Umsatz sehr gesteigert, der Gebrauch des Geldes wurde erst dadurch zur allgemeinen Notwendigkeit.“
Simmel weist hier auf die Konzentrationswirkung des Geldes hin, die das Wachstum der Städte nach dem Mittelalter wesentlich gefördert hat. Geld und Stadtentwicklung sind untrennbar miteinander verbunden und das Geld spielte bereits im antiken Griechenland in den Händen der Händler und Bankiers faktisch eine wichtige Rolle. Diese Händler und Bankiers waren es, die mit Hilfe der Handwerker und Fabrikanten die Stadt organisierten. Sie hatten dabei das Misstrauen der aus den dörflichen Verhältnissen stammenden Bürger zu überwinden. Auf dieses Misstrauen geht die Tatsache zurück, dass nur sehr wenige griechische Städte es ihren Bürgern erlaubten, Handel zu treiben. Selbst die vom Handel abhängigen Städte behandelten ihre Geschäftswelt, als gäbe es sie nicht. Bürger, die dennoch als Händler tätig werden wollten, mussten sich als Fremde in einer anderen Stadt niederlassen.
Wie bereits die sprachliche Ableitung des Wortes Geld im Lateinischen signalisiert, liegen die Ursprünge des Geldes beim ersten Objekt des Privateigentums, nämlich beim Vieh. Es waren die Viehzüchter, die als Erste den Segen natürlicher Vermehrung in Form von Jungen erkannten und damit eine Art der Verzinsung ihres „Investments“ erfuhren. Hieraus entwickelten sich Frühformen des Geldes als Natural-,Waren- oder Nutzgeld. Die wahrscheinlich durch Vermischung verschiedener Kulturen (Sammler, Jäger, Bauern) entstandene Domestizierung des Viehs führte zur Ablösung der bis dahin bestehenden matriachalischen dörflichen Sippengesellschaften aus Hackbauern und Sammlern mit ihren hohen ethischen Ansprüchen in Gemeinschaftsordnungen und Gemeinschaftsbesitz. Korruption, Habgier und Geiz begannen die bestehenden Sippengesellschaften zu zersetzen. Gleichzeitig fand die gewaltsame Verdrängung der mutterrechtlichen Sozialstrukturen statt, die zur Ausbildung des noch heute vorherrschenden Patriarchats führten. „Die Mittel der Fortpflanzung selber wurden, mindestens in der Phantasie, der weiblichen Sphäre entzogen: auf einer frühen ägyptischen Illustration schafft Atum die Welt durch Masturbation aus seinem eigenen Leibe. Der Männerstolz hätte kaum unverhüllter ausdrücken können, dass in der neuen Lebensordnung die Frau nicht mehr zählte.“ (Lewis Mumford, Die Stadt).
Mit der Verbreitung des Patriarchats entstanden neue Kulte, die an männliche Götter gebunden waren. Die männliche Stärke zeigte sich in Form von Kraftproben und animalischem Mut beim Jäger, der gefährliche wilde Tiere erschlug und menschliche Rivalen besiegte. Insgesamt wurde das Zusammenleben in der Sippe nun stärker von Gewalt bestimmt.
Die Fortschritte der dörflichen Nahrungsproduktion einerseits und die damit entstehenden Raubzüge benachbarter Sippen zum Nahrungs- und/oder Frauenraub werden wesentliche Gründe für die Bildung befestigter Siedlungen dargestellt haben. „In der Stadt traten neue, strenge, wirksame und häufig raue oder gar grausame Methoden an die Stelle uralter Bräuche und angenehm lässiger Lebensweise. Die Arbeit selber wurde von andern Tätigkeiten abgesondert und in den „Arbeitstag“ mit unablässigem Schuften unter einem Fronvogt eingeordnet. Es war der erste Schritt zu jener „Revolution der Manager“, die heute ihren Höhepunkt erreicht hat. Kampf, Herrschaft, Überlegenheit und Sieg hießen die neuen Themen – nicht mehr bedächtiges Behüten, Festhalten oder passives Erdulden, wie früher im Dorf. Dieser übermäßigen Ausweitung der Macht war das einzelne Dorf, waren selbst tausend einzelne Dörfer nicht mehr gewachsen. Das Dorf war das Behältnis begrenzterer Funktionen und betont mütterlicher und organischer Vorstellungen. Der Teil der Dorfkultur aber, der an dieser Entwicklung Anteil haben konnte, wurde in die Stadt gezogen und systematisch für die neue Lebensweise eingespannt.“ (Lewis Mumford, Die Stadt)
Den Mittelpunkt der Stadt im räumlichen wie im gesellschaftlichen Sinn bildete die Zitadelle, in der ein König residierte, der meistens auch religiöses Oberhaupt der Stadt war. Der König war der Magnet, der alle neuen Kräfte der Zivilisation zum Mittelpunkt der Stadt – der Zitadelle - zog und unter die Herrschaft von Palast und Tempel brachte.
In der Personalunion des Königs als weltlicher Herrscher und Herr des Tempels liegt möglicherweise auch der Ursprung der religiösen Struktur des Geldes und vor allem seines Bedeutungsgehalts an Macht.„Wenn es eine Psychoanalyse des Geldes geben soll, so muss sie von der Hypothese ausgehen, dass der Geldkomplex im wesentlichen die Struktur der Religion hat – oder, wenn man will, der Verneinung der Religion, also des Dämonischen. Die psychoanalytische Geldtheorie muss von der Voraussetzung ausgehen, dass Geld – nach Shakespeare – der *sichtbare Gott* oder nach Luther *der Gott dieser Welt* sei.“ (Norman O. Brown, Die Zukunft im Zeichen des Eros) Brown wendet sich damit gegen die von Freud entwickelte Analtheorie des Geldes, wonach die forcierte Erziehung zur Reinlichkeit beim Kind die Zurückhaltung des einzigen Besitzes – des Kots – bewirke; hierdurch bilde sich die psychische Disposition zum Geiz und zur Anhäufung von Besitz aus.
Mit dem Entstehen der Stadt und der in ihr durchgeführten Arbeitsteilung beginnt die Geschichte des Kapitalismus und damit die eigentliche Geschichte des Geldes, die zur Grundlage der marxistischen Theorie wurde. Nicht von ungefähr motivierten die menschenunwürdigen Zustände in englischen Arbeitersiedlungen Friedrich Engels zu seiner Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, die über die marxistische Theoriebildung hinaus großen Einfluss auf die Entwicklung des modernen Städtebaus hatte.
Während Georg Simmel die direkt sichtbaren Verwicklungen des Geldes in das amoralische Handeln der Menschen – zugespitzt in der Prostitution und der damit zusammenhängenden Verführung – zum Leitmotiv seiner Philosophie des Geldes macht greift die marxistische Theorie die nicht offen zu Tage liegende moralische Schieflage im Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital auf und trifft damit in das Herz der Ausbreitung menschlicher Kulturtechnik schlechthin. Die von Marx behauptete Vorenthaltung des durch die geleistete Arbeit geschaffenen Mehrwerts sei unmoralisch, eine Parität in den Aushandlungsprozessen zwischen Arbeit und Kapital bestehe nicht und die Arbeitsleistung werde den Arbeitern abgepresst. Eine weitere Darstellung dieser Theorie erübrigt sich, da immer wenn „der Kapitalismus darauf hingewiesen werden muss, dass er der Welt nicht helfen kann, kann er darauf hinweisen, dass der Kommunismus nicht einmal sich selber helfen kann.“ (Martin Walser, Büchner-Preisrede 1981, zitiert nach Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft)
In der gegenwärtigen Situation am Ende des Jahres 2011 ist davon auszugehen, dass sowohl der real existent gewesene Sozialismus auf der von ihm behaupteten Grundlage des Marxismus wie auch der Kapitalismus keine überzeugende Lösung der Sinnfrage menschlichen Schaffens erbracht haben. Zur Illustration der Situation möchte ich nochmals Lewis Mumford mit seiner geradezu prophetischen Feststellung zitieren:
„Wir leben geradezu in einer Welt, die vor lauter mechanischen und elektronischen Erfindungen explodiert, so dass ihre Teile sich in rasender Geschwindigkeit immer weiter von ihrem menschlichen Mittelpunkt und von irgendwelchen vernünftigen, autonomen menschlichen Zwecken entfernen. Diese technologische Explosion hat eine ähnliche Explosion der Stadt selber zur Folge gehabt: die Stadt ist aufgeplatzt und hat ihre mannigfaltigen Organe und Organismen über die ganze Landschaft verstreut. Der ummauerte städtische Behälter ist nicht nur aufgebrochen, sondern ist auch weitgehend entmagnetisiert worden, so dass wir eine Art von Auflösung der städtischen Macht ins Zufällige und Unvorhersehbare erleben. Kurzum, unsere Zivilisation, überwältigt von ihren eigenen Mitteln und Möglichkeiten wie auch von ihrer überströmenden Fruchtbarkeit, entzieht sich jeder Lenkung. Die totalitären Staaten, die rücksichtslos eine Lenkung zu erzwingen suchen, werden ebenso Opfer ihrer undifferenzierten Bremsen, wie die scheinbar freieren, zu Tal rasenden Wirtschaftsordnungen ihren durchgegangenen Fahrzeugen ausgeliefert sind.“
Obwohl die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Verhältnisse einer Gesellschaft sich in der Stadt wie in einem Brennglas bündeln sind differenzierte Aussagen über die Kräfteverhältnisse einzelner Wirkungsstränge nur unvollkommen und dann auch nur mit erheblichem Aufwand möglich. Darüber hinaus sind unterschiedliche räumliche und historische Bedingungen zu berücksichtigen. Das vorstehende Zitat ist deshalb als Ablesung des Indikators Stadt in seinen fortgeschrittensten Stadien - den Megastädten - zu lesen, die auf das Endstadium einer Entwicklung hindeuten. Diesen Städten kommt Symbolwirkung für die heutige Wirtschafts- und Bewusstseinslage zu und sie bieten sich deshalb als Zielobjekte fundamentalistischer religiöser Strömungen an: Giftgasanschläge in der Tokioter Ubahn, die Zerstörung des World Trade Centers in New York und der Überfall auf die indische Metropole Mumbai sind als Beispiele zu nennen.
In seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ analysiert Peter Sloterdijk den Tauschzynismus des kapitalistischen Systems, ausgehend von der Feststellung, dass jede Kultur einen Preis für ihr Überleben zu zahlen hat. Er stützt sich dabei auf das von Sigmund Freud formulierte Realitätsprinzip: Als Teil des Ich modifiziert es das aus dem Es stammende Lustprinzip und stimmt das Verhalten damit auf die Umwelt ab, um so den im Über-Ich gespeicherten moralischen Ansprüchen zu genügen. Sloterdijk kommt zu dem Ergebnis, dass im Kapitalismus der Preis für das Überleben durch die arbeitenden und kämpfenden Gruppen menschlicher Gesellschaften gezahlt wird. Dieser Preis werde deshalb als so bitterer Tribut an das Lustprinzip empfunden, weil sie ihn am eigenen Leib entrichten. „Sie bringen ihn auf in Form von Unterwerfungen unter „höhere“ Kräfte und Tatsächlichkeiten; sie tragen ihn in Form von Schmerzen, Anpassungen, Entbehrungen und verhärtenden Selbstbeschränkungen.“ Die Situation sei heute jedoch durch eine Entartung des Realitätsprinzips gekennzeichnet, bei der die „Härten“, denen sich die Gesellschaften im Interesse der Selbsterhaltung unterwerfen, eine solche Eigendynamik besitzen, die eher dem Untergang als der Sicherung entgegen streben. Da es keine neue Wirtschaftsordnung gebe, die diesem Trend entgegen wirkt, sei eine zunehmende Militarisierung zur Sicherung des eigenen kulturellen Überlebens die Folge. Er deutet damit auf jenen Prozess hin, den der englische Historiker Edward Thompson mit Exterminismus bezeichnete und der für eine Leitfigur der frühen grünen Bewegung in Deutschland – Rudolf Bahro – zum Schlüsselbegriff für sein Überlebensprogramm mit dem Titel „Logik der Rettung“ wurde.
Im Folgenden möchte ich den Versuch unternehmen die Rolle des Geldes in der heutigen Weltsituation mit den Mitteln der Spiral Dynamics zu erfassen, und wo möglich Hinweise auf die Werte-Perspektiven der gegenwärtigen Krise geben. Hierzu werde ich zunächst einige Darstellungen des Geldes unter allgemeineren Gesichtspunkten zeigen. In einem weiteren Schritt werde ich dann die Wertememe im System der Spiral Dynamics im englischen, deutschen und chinesischen Sprachraum in Zeitschnitten von der europäischen Aufklärung (1750) bis heute (2009) in Fünfjahresintervallen darstellen. Als Datengrundlage hierfür dienen Abfragen mit den Schlüsselbegriffen der einzelnen Wertememe in Google-Books.
Die Rolle des Geldes im englischen, deutschen und chinesischen Sprachraum
In der folgenden Grafik sind die in der Britischen Bibliothek und der Deutschen Nationalbibliothek inventarisierten Fundstellen zu Büchern mit einem Bezug zum Geld in ihrer jeweiligen Relation zum Gesamtzugang dargestellt.
Abbildung 1
Sieht man sich allein den Gebrauch des Wortes Geld (das modern-sprachliche Äquivalent zu Gold) im Titel der Bücher an, so bekommt man einen quantitativen Eindruck von seiner wachsenden Bedeutung. Für die Jahre unmittelbar vor und nach der Weltwirtschaftskrise 1929 ist in Großbritannien ein stark steigendes Interesse am Geld festzustellen, das in Deutschland nicht in dieser Ausprägung zu sehen ist. Bis zur Mitte der 1960er Jahre ist in Großbritannien eine abnehmende Tendenz des Interesses am Geld festzustellen, während in Deutschland ein stetig wachsendes Interesse besteht, das Mitte der 1980er Jahre in ein beschleunigtes Wachstum übergeht. Ab 2003 setzt dann im englischen Sprachraum ein bis dahin nicht gesehener Aufschwung des Interesses ein, der in Deutschland erst mit einigen Jahren Verzögerung und wesentlich schwächer zu sehen ist. Während dieser Trend in Großbritannien noch im Jahr 2010 ungebrochen ist, deutet sich in Deutschland ein Abbruch dieser Entwicklung an.
Die stetige Bedeutungszunahme des Geldes in Deutschland hat ihren politischen Widerhall vor allem in den neuen politischen Strömungen wie den Grünen und der damit verbundenen bunten Bewegung gefunden. Dort wurde die immer ungeniertere Zurschaustellung von Reichtum bei gleichzeitiger Verarmung größerer Teile der Arbeitnehmerschaft kritisiert. Es kam das politische Schlagwort der Zweidrittelgesellschaft auf. Banken und Sparkassen warben seit Mitte der 1980er Jahre per Telefon auf breiter Front für ihre Finanzprodukte und seit dem Milleniumswechsel beglückt auch das ARD-Fernsehprogramm zur besten Sendezeit ein Millionenpublikum mit kurzen (und daher zwangsläufig oberflächlichen) Einblicken in das Börsengeschehen.
Abbildung 2
Es ist jedoch fraglich, ob das steigende Interesse am Geld auch zu einem verantwortungsbewussten Umgang damit führt. Der kulturelle Wert des Geldes als neutrales Tauschmittel, als Wertmaßstab im Wirtschaftsleben und als Bezugsgröße für manche gesellschaftliche Beziehungen zwischen Menschen ist allgemein bekannt, doch unterliegt es auch dem Kalkül menschlicher Macht. Geld stellt eine permanente Versuchung für die Menschen dar und es fördert die Verbündung des Geldes in Person seines Besitzers mit den Machteliten. Diese Eliten wiederum unterliegen Werteordnungen, die hier als Wertememe im System der Spiral Dynamics ausgedrückt werden. Wie stark diese Bindung des Geldes an die bestehenden Wertordnungen ist wird in Abbildung 2 am Beispiel der Entwicklungen im englischen, deutschen und chinesischen Sprachraum dargestellt. Zur sprachlichen Straffung wird in der Folge nur noch von Großbritannien, Deutschland und China die Rede sein, da diese Länder jeweils die Kernländer der untersuchten Sprachräume sind. Die Daten wurden aus den in Google Books digitalisierten Buchbeständen in Zeitintervallen von fünf Jahren ermittelt. Es wird hierbei unterstellt, dass die 8 Wertememe der Spiral Dynamics das Weltsystem zu annähernd 100% repräsentieren und als Gesamtheit die Referenzgröße für die Berechnung der Bedeutung des Geldes darstellen können.
Die aus den Kurvenverläufen ableitbaren Trends ergeben über die Jahrhunderte betrachtet wellenförmige Verläufe, die langfristig eine lineare Abwärtstendenz belegen. Hierbei sind deutliche Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland erkennbar. In China muss der langfristige Trend in seiner Aussagekraft anders bewertet werden, da um die Wende zum 20. Jh. starke kulturelle Umbrüche in China stattgefunden haben. In Großbritannien verläuft der Trend wesentlich positiver als in Deutschland. Diese Unterschiede lassen sich aus den unterschiedlichen Charakteren der Völker erklären.
„Das Finanzsystem der Engländer ist von dem der übrigen Völker gänzlich verschieden. Es gründet sich nicht, wie bei letztern, entweder auf die Einnahme und den Kredit des regierenden Herrn allein, oder verbunden mit dem seiner Landsstände, sondern auf das Vertrauen das die englische Nation in sich selbst, und auf ihre eigene Fortdauer setzt.“ Diese Feststellung stammt von Friedrich von der Decken, der 1817 den Nationalcharakter der Engländer ausgehend von der Insellage Großbritanniens als grundverschieden von den Ländern des europäischen Festlands beschrieb. Diese Auffassung findet sich auch Anfang des 20. Jh. bei Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“. Eine tragende Eigenschaft scheint der englische Liberalismus des 19. und 20. Jh. zu sein, der die Rolle des Individuums gegenüber der Obrigkeit betont und wirtschaftliche Autonomie gewährt. Hieraus erklärt sich nicht zuletzt die Rolle Londons als wichtiges Zentrum des Weltfinanzsystems, und eine Vielzahl ausländischer Banken und die Niederlassungen vieler Weltkonzerne verdeutlichen diese Funktion innerhalb der globalisierten Wirtschaft.
In der folgenden Grafik sind die Devisenumsätze der wichtigsten Länder im Weltfinanzsystem seit 1995 dargestellt. Auch hier ist die überragende Bedeutung des englischen Finanzplatzes - und insbesondere der City of London – erkennbar.
Mit dem Aufstieg Großbritanniens zur Weltmacht wurde London zu einem Mittelpunkt des Welthandels und des internationalen Geldverkehrs. Bis zum Ersten Weltkrieg war London die führende Finanzmetropole der Erde, heute nimmt es hinter New York und Tokio die dritte Stelle ein. Herausragend ist auch die Stellung Londons auf dem Sektor des Versicherungswesens, insbesondere bei der Versicherung für maritime Anlagen, Schiffe sowie Flugzeuge (Lloyd's). Der Banken-, Finanz- und Versicherungsbereich zählt zusammen mit den unternehmensorientierten Dienstleistungen zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweigen Londons (1996: rd. 905 900, 2001: 1,33 Mio. Beschäftigte).
Der hohe Stellenwert, der dem Geld innerhalb des Wertesystems im englischen Sprachraum mit großer zeitlicher Kontinuität zukommt, ist nach dieser Beschreibung der Realwirtschaft plausibel belegt. Dem steht der kontinuierliche Werteverlust des Geldes in
Abbildung 3
Deutschland gegenüber. Eine Erklärung hierfür lässt sich erst durch eine genauere Betrachtung der mit dem Geld verbundenen Wertesysteme finden.
Zunächst jedoch noch einige kurze Ergänzungen zu den Werteverhältnissen in Großbritannien. In Abbildung 4 zeigt sich die weitgehende Parallelentwicklung des Wertes Geld mit der etwas stärker abflauenden Stärke des Orange Wertemems. Gleichzeitig ist eine Verschiebung vom Wertemem Blau zu Grün abzulesen. Der leichte Verlust von Orange wird scheinbar durch Rot ersetzt. Orange ist die treibende Kraft des Leistungsstrebens, der Weg zu Erfolg und persönlicher Selbständigkeit. Die wissenschaftlich technischen Instrumente werden hierfür kompromisslos in Dienst genommen. Da Geld der beste und im historischen Lauf schließlich der einzig objektive Gradmesser für Erfolg ist, bietet sich Orange als natürlicher Verbündeter für das Geld an. Nur am Rande ist zu bemerken, dass die in der Kulturgeschichte des 19. und frühen 20. Jh. beschriebenen Charaktereigenschaften des Engländers in kongenialer Weise hierzu passen. Die gleichzeitig stattfindenden Verlagerungen in Grün und Blau zeigen den Fortschritt von den herrschenden Autoritätsstrukturen hin zu den gefühlsbetonten Werten,
die sich in Gemeinschaften auf allen gesellschaftlichen Ebenen finden und durch sie gestiftet werden. Etwa ab 1960 ist eine Dominanz des grünen Wertesystems zu sehen, die voraussichtlich zunehmend Orange reduzieren wird. Mit dem Anwachsen von Grün erfährt jedoch sein Gegenspieler Blau neuen Auftrieb, was seit Mitte der 1990er Jahre zu sehen ist. Etwa zeitgleich ist ein Tiefpunkt in der Wertigkeit des Geldes zu sehen, der wahrscheinlich zu einem stärkeren Einfluss des grünen W-Mems auf das Geld geführt hat. Zu diesem Zeitpunkt begann das Vertrauen in den US-Dollar als internationale Leitwährung auf Grund der wachsenden Verschuldung der USA zu sinken und die Handelsbilanz wurde zunehmend negativ. Der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson propagierte in den 1960er Jahren das Programm der „Great Society“ als Antwort auf die wachsende Armut
Abbildung 4
im Lande. Am Ende seiner Amtszeit im Jahre 1969 hatte Johnson die Armut in den USA von 23% auf 13% gesenkt – ein deutliches Zeichen grüner Werthaltung. Der vom gleichen Präsidenten geführte Krieg in Vietnam ist dabei kein Widerspruch, da Rot als Wertesystem mächtiger und ausbeuterischer Führer in dieser Zeit eine Blüte hat und durch Grün befriedigt werden muss. Möglicherweise sind die militärischen Führer des Vietnamkriegs selbst als verkappte Rote in das grüne System integriert gewesen.
In Großbritannien war nach dem zweiten Weltkrieg in Folge der Kriegsfinanzierung eine prekäre Situation entstanden, die in politischer Hinsicht zu einer starken Abhängigkeit von den USA führte. Von den USA wurden 1946 britische Staatsanleihen gekauft und es wurden Hilfen aus dem Marshallplan gewährt. Die in dieser Zeit regierende Labourparty leitete 1945 ein breit angelegtes Reformprogramm ein, welches auf dem bereits Anfang der 1940er Jahre erstellten Beveridge Report basierte. Dieser Report lieferte überzeugende Gründe für die Schaffung von Wohlfahrtseinrichtungen (Sozialversicherung , staatliche Gesundheitsdienste), die breite Zustimmung in der britischen Gesellschaft fanden. Umstritten waren dagegen die ebenfalls in dieser Zeit vorgenommenen Verstaatlichungen der Bank von England, des Bergbaus und der Stahlindustrie, des Transportwesens und der Energieversorgung. Von 1951 bis 1964 regierten konservative Regierungen das Land. In dieser Zeit erlebte Großbritannien einen wirtschaftlichen Aufschwung, der breiten Bevölkerungsschichten zu Wohlstand verhalf. Unter diesen günstigen wirtschaftlichen Bedingungen wurden eine ganze Reihe ehemaliger Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. Mit den Entwicklungen in der Nachkriegszeit wurden weitreichende Weichenstellungen vorgenommen, die auf Grund des weiter anhaltenden Übergangs vom Wertesystem Orange zum Wertesystem Grün möglich wurden und unter den nachfolgenden konservativ geführten wie auch unter Labour geführten Regierungen eine leichte Abschwächung von Grün ergaben. Seit Mitte der 1970er Jahre ist eine Wiederkehr des blauen Wertemems zu sehen, die bis in die Gegenwart ungebrochen ist und keine Parallele in den vergangenen 260 Jahren hat. Es handelt sich hierbei um einen Reflex von Blau auf die Dominanz von Grün, da sowohl Blau wie auch Grün sozial orientierende Wertsysteme sind, die sich wesentlich nur in der Rolle des Individuums innerhalb der sozialen Gemeinschaft unterscheiden. Während Grün Gefahr läuft, alles was sich nicht dem in der Gemeinschaft gepflegten Relativismus unterordnet auszugrenzen, bietet Blau die Möglichkeit, sich ohne jegliche Selbstentäußerung einer höheren Wahrheit oder Autorität, die diese Wahrheit vertritt unterzuordnen und ein „gottgefälliges Leben“ (Agathon) zu führen. Im richtigen Verhältnis zueinander ist Blau daher als notwendige Ergänzung zu Grün zu sehen. Insgesamt liegen Orange, Blau und Grün so nah wie nie zuvor beieinander.
Ob die über 200 Jahre stabil gebliebenen Langzeittrends ihre hohe Kontinuität fortsetzen erscheint sehr fraglich, da sich für Blau die Möglichkeit einer Trendwende abzeichnet.
Es ist wahrscheinlich, dass die gegenwärtigen Turbulenzen im Weltwährungssystem eine Folge der in der Grafik ablesbaren tiefgreifenden Werteverschiebungen innerhalb der englischsprachigen Welt sind. Es ist nicht viel gewagt, auf Grund der vorliegenden Befunde große Veränderungen im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem zu prognostizieren.
Abbildung 5
Die in Abbildung 5 dargestellte Situation im deutschen Sprachraum ist im Vergleich zu den englischen Verhältnissen ganz anders. Ab etwa 1880 hat hier ein Wechsel von dem Autorität fördernden blauen Wertemem zu Orange als dominierendem Wertesystem stattgefunden. Eine eindeutige Dominanz hat sich jedoch im Bezug auf das Geld nicht eingestellt. Der etwa bis zum nationalsozialistischen Regime stark abfallende Einfluss der autoritären Machtstrukturen des Blau ging Anfang der 1930er Jahre in ein erneutes Wachstum über, das bis in die Mitte der 1960er Jahre anhielt und dann in einen konstanten Verlauf überging, der bis in die erste Hälfte der 1990er Jahre anhielt. Im politischen System der Bundesrepublik Deutschland wurde auf dem erreichten Höhepunkt des blauen Trends die erste große Koalition unter dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und dem Außenminister und Vizekanzler Willy Brandt (SPD) gebildet. Blau blieb bis in die Mitte der 1990er Jahre das dominante Wertemem. Während der Blütezeit von Blau schwächte sich der Einfluss des sozial orientierten Grün stark ab. Dagegen machten sich starke Persönlichkeiten unter dem Einfluss von Rot bemerkbar, die im politischen System der Kohl-Ära nacheinander kaltgestellt wurden. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde Blau von dem ab diesem Zeitpunkt steil anwachsenden Orange abgelöst.
Das unter Orange zum Ausdruck kommende Leistungs- und Erfolgsstreben hat seither Deutschland wirtschaftlich und politisch in eine Spitzenposition gebracht, die Einfluss und Gefahr mit sich bringt. Der gegenwärtige Boom in Orange geht vor allem zu Lasten des ordnenden und disziplinierenden Blau, das an seinem tiefsten Punkt seit 1750 angekommen ist und einen ebensolchen Absturz zeigt wie Orange boomt. In diesem Spannungsfeld deutet sich eine leichte Abwärtstendenz für die Bedeutung des Geldes an,
Abbildung 6
die im Kontrast zum wirtschaftlichen Streben und zum Erfolg in Orange steht und daher eine Schwäche im System markiert. Diese kann auch als „Kreditklemme“ in Erscheinung treten.
Insgesamt ist die Situation im deutschen Sprachraum unübersichtlicher als diejenige im englischen Sprachraum, da das Geld offensichtlich – anders als in Großbritannien - von den einzelnen Wertsystemen abgekoppelt ist und unter gegensätzlichen Einflüssen steht, wobei das zur Zeit dominierende Wertesystem keine direkte Verbindung zum Geld zu haben scheint. Eine Wirtschaft ohne Anbindung an das Geld- und Finanzsystem kann aber mittelfristig keinen Bestand haben. Bemerkenswert an dieser Situation ist auch die deutlich untergeordnete Stellung des Geldes im Verhältnis zum Wertesystem. Dies mag einerseits den hohen Stellenwert der Realwirtschaft zum Ausdruck bringen, bedeutet andererseits aber auch einen geringen Spielraum, der zur Aufrechterhaltung eines bedürfnisorientierten Geldverteilsystems unzureichend sein kann.
Auch in Deutschland sind aus den vorliegenden Daten erhebliche Unsicherheiten über die weitere Entwicklung des politisch-ökonomischen Systems abzulesen, die zwar ganz anders geartet sind als in Großbritannien, die aber dennoch nicht von geringer Tragweite sind. In der deutschen Situation sollte die Schwäche des roten Wertemems besonders beachtet werden, da gerade in der relativen Stärke der drei dominanten Wertesysteme Orange, Blau und Grün eine Schwäche besteht, die am ehesten mit neuen Ideen von Einzelpersönlichkeiten, Querdenkern und Visionären in Rot zur Klärung gebracht werden kann.
Abbildung 7
Der Zeitschnitt beginnt auf dem Höhepunkt der europäischen Aufklärung in der Schaffensperiode des französischen Philosophen Voltaire. Eine Aufklärung im europäischen Sinn hat in China nicht stattgefunden. Um 1750 herrschte in China die Qing-Dynastie. Es handelte sich um Herrscher mandschurischer Herkunft, die enge Verbindungen zur Mongolei unterhielten. In dieser Zeit erhielt China seine heutige territoriale Gestalt. Die Mandschu verstanden sich als Bastion chinesischer Kultur, richteten jedoch die unter ihrer Herrschaft entstandenen umfangreichen Werke der Literatur und das kulturelle Leben auf ihre kulturelle Dominanz aus. In dieser Zeit, die bis 1911/12 dauerte erlebte China ein großes wirtschaftliches Wachstum, das ebenfalls zu einer raschen Vermehrung der Bevölkerung von 150 Mio. um 1600 auf etwa 300 Mio. um 1800 führte. Durch regen Handel mit dem Ausland und den Abbau von Kupfer im Südwesten Chinas wuchs die Geldmenge rasch an. Diese Entwicklungen sind in Abbildung 7 gut abzulesen. Die große Dominanz von Orange in der Zeit bis etwa 1890 ist einerseits auf den wirtschaftlichen Erfolg, der mit Hilfe des wissenschaftlichen und technischen Einflüsse aus dem Westen zu Stande kam, andererseits aber vielleicht auf eine einseitige Auswahl von Büchern in Google Books zurückzuführen.
Gegen Ende des 18. Jh. wurde die bis dahin steil ansteigende Wachstumskurve innerhalb weniger Jahre durch Naturkatastrophen und innere Unruhen gebremst. Die Geldmenge reduzierte sich erheblich durch das eingeschmuggelte Opium. Die Situation spitzte sich in dem von 1851 bis 1864 dauernden Taipingaufstand im Westen Chinas zu. Durch ihn wurden dem Mandschusystem reiche Gebiete Mittelchinas entzogen und die Finanzwirtschaft erlitt einen starken Einbruch. In Abbildung 7 ist diese Situation durch die einsetzende Abwärtsbewegung von Orange bei gleichzeitigem Anwachsen der Bedeutung des Geldes gekennzeichnet. Gleichzeitig werden die übrigen Wertesysteme in dieser Zeit in der veröffentlichten Literatur sichtbar. Gegen Ende des 19. Jh. war China durch Kriege und Verträge mit europäischen Staaten und Japan unter starken westlichen Einfluss geraten. Hierauf ist das Sichtbarwerden „europäischer Wertordnungen“ zu diesem Zeitpunkt zurückzuführen.
Die Erfolge Japans und den drohenden »Ausverkauf« Chinas vor Augen, überzeugte im Sommer 1898 die sogenannte Reformbewegung des Kang Youwei den Kaiser von der Notwendigkeit tiefer gehender institutioneller, dem japanischen Vorbild folgender Reformen. Doch ein Staatsstreich der um die mächtige Kaiserinwitwe Cixi gescharten Konservativen beendete die Reformphase schon nach 100 Tagen. Die Konservativen förderten auch den sich 1899 in Nordchina ausbreitenden antichristlichen, fremdenfeindlichen und anachronistischen Geheimbund der Boxer; der Boxeraufstand wurde 1900 von einem gemeinsamen Expeditionsheer der Westmächte und Japans niedergeschlagen. Im »Boxerprotokoll« von 1901 musste China weitere demütigende Einschränkungen seiner Hoheitsrechte hinnehmen und wurde zur Zahlung einer Entschädigung von 450 Mio. Taël Silber verpflichtet, die im Verbund mit älteren Reparationen und Rückzahlungsverpflichtungen die Finanzkraft Chinas weit überstiegen. Als nach dem Russisch-Japanischen Krieg (1904–05) die Mandschurei, das Stammland des Kaiserhauses, in eine russische und eine japanische Einflusszone aufgeteilt wurde, gab der Hof dem allgemeinen Verlangen nach Reformen nach; die traditionellen Staatsprüfungen wurden abgeschafft, das Verbot der Mischheiraten aufgehoben, eine Verfassung und die Bildung von Provinzparlamenten in Aussicht gestellt. Doch dies und anderes wurde nur halbherzig in Angriff genommen und deshalb von Gegnern wie Anhängern der Dynastie abgelehnt. Als sich 1911 eine lokale Militärrevolte in Wuhan rasch auf das Reich ausweitete und der Hof von den halb unabhängigen Provinzen und dem »starken Mann« der neu aufgestellten Nordarmee im Stich gelassen wurde, dankte der letzte Kaiser Pu Yi zugunsten der am Jahresende 1911 in Nanking von den Revolutionären um Sun Yixian (Sun Yat-sen) ausgerufenen Republik ab. (leicht gekürzte Wiedergabe nach Brockhaus-Lexikon)
Die finaziellen Belastungen Chinas haben offensichtlich (siehe Abbildung 8) zu einer intensiven öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Geld geführt. Sowohl die ersten Jahre der neu gebildeten Republik wie auch die Zeit während des ersten Weltkriegs, in den China gegen Deutschland eingetreten war und die Zeit danach bis 1926 waren durch innere Unruhen und Ansprüche Japans gekennzeichnet, so dass China zu zerfallen drohte.
Seit 1923 versuchte Sun Yat-sen mit russischer Hilfe ein Regierungssystem nach marxistisch-leninistischen Prinzipien aufzubauen. Als politische Plattform diente hierbei die 1912 gegründete Kuomintang (Chinesische Nationalpartei), die ein Zusammenschluss verschiedener politischer Strömungen war. Insbesondere arbeiteten in ihr die Mitglieder der kommunistischen Partei Chinas mit. Gemeinsam bauten die in der Kuomintang organisierten politischen Kräfte eine Armee auf, die 1926 unter der Führung Chiang Kai-sheks einen Feldzug gegen die separatistischen Warlords in Nordchina begannen, um das chinesische Reich wieder herzustellen. Nach der Eroberung der Stadt Shanghai im Jahr 1927 schaltete Chiang Kai-shek die Kommunisten in der Kuomintang aus und errichtete in Nanking eine Nationalregierung. Durch weitere militärische Erfolge war die Einheit Chinas 1928 nahezu wiederhergestellt.
Abbildung 8
Die Zeit des Verfalls und der Stagnation ab 1910 ist in Abbildung 8 gut abzulesen. Der starke Abfall des Interesses an finanziellen Fragen und der erneut einsetzende Abschwung des orangenen Wertemems bei gleichzeitigem Ausfall der übrigen Wertesysteme signalisieren deutlich eine Zeit des Verfalls und der Hoffnungslosigkeit. Erst ab etwa 1925 steigt Grün auf und signalisiert das Aufkommen eines neuen Geistes menschlicher Verbundenheit in Gemeinschaft mit hohen ethischen Ansprüchen und Respekt vor der einzelnen Person in der Gemeinschaft. Gleichzeitig begann auch das nach Ordnung strebende Blau als notwendiges Korrektiv zu dem relativistischen Grün an Einfluss zu gewinnen.
In den Jahren von 1927 bis 1937 wurden wirtschaftliche und infrastrukturelle Projekte durchgeführt, die zwar von der westlichen Staatenwelt als positive Entwicklung anerkannt wurden jedoch an der Armut und gesundheitlichen Missständen der Bauern sowie der Analphabetenquote von etwa 90% nichts änderte. So konnten die in den Untergrund gegangenen Kommunisten unter Mao Tse-tung 1927 in Jiangxi ein kommunistisches Herrschaftsgebiet bilden und sie gründeten 1931 die chinesische Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Ruijin. Zwar wurde diese kommunistische Republik in den folgenden Jahren durch die Zentralregierung zur Aufgabe gezwungen, doch konnten die Kommunisten unter Mao Tse-tung in einem Langen Marsch, der von 1934 bis 1935 dauerte, in Westchina eine gefestigte Machtposition aufbauen. Durch die 1932 von Japan militärisch eroberte Mandschurei und das daraufhin von Japan 1934 ausgerufene Kaiserreich Mandschukuo unter dem letzten Kaiser Pu Yi war die chinesische Zentralregierung zusätzlich geschwächt und sie sah sich 1936 gezwungen, mit den Kommunisten ein Bündnis zur Verteidigung Chinas gegen die Japaner einzugehen. Es gelang den Japanern jedoch immer weiter nach Süden vorzudringen, bis sich die Fronten 1939 in einem Stellungskrieg gegenüber standen. Die Kriegshandlungen gingen schließlich in den zweiten Weltkrieg über und es kam zu einem erneuten Auseinanderbrechen des Riesenreiches in einen von der alten Nationalregierung gehaltenen Westteil, eine japanfreundliche Gegenregierung in Nanking und die von der kommunistischen Partei Chinas beherrschten Gebiete. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan ein, besetzte die Mandschurei und verhalf der kommunistischen Partei zur Macht über Gesamtchina.
Abbildung 9
Erst die Klärung der Verhältnisse nach dem zweiten Weltkrieg ließ die Entfaltung neuer Wertsysteme zu. Insbesondere Orange und Grün gehen in einen gemeinsamen Wachstumstrend ab Mitte der 1980er Jahre über, während das strukturbildende Blau seinen Höhepunkt bis zum Ende der 1970er Jahre überschritten hatte und auch der Einfluss der Führerpersönlichkeiten in Rot ab dieser Zeit abnahm. In Folge des erneut steigenden Einflusses von individualistischem und demokratischem Orange bei gleichzeitig anwachsendem Grün wurde zu Beginn der 1990er Jahre für wenige Jahre der relative Abwärtstrend des Interesses am Geld aufgehalten. Zum Ende des ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hin deutet sich jedoch – vermutlich unter dem Einfluss der Weltfinanzkrise - erneut ein nachlassendes Interesse am Geld an.
Abbildung 10
Die Zeit von der Mitte der 1960er Jahre bis zur Mitte der 1970er Jahre war in China durch die von Mao Tse-tung eingeleitete Kulturrevolution gekennzeichnet. Die Kulturrevolution ging einher mit einer breiten politisch-ideologischen Kampagne, die sich gegen Vertreter des ›kapitalistischen Weges‹ sowie gegen Denk- und Lebensweisen traditionell chinesischer Prägung (Blau) richtete. Vorbereitet durch Aktionen gegen kritische Intellektuelle wurde die Kulturrevolution 1966 von der linken Fraktion um Mao Zedong, seiner Frau Jiang Qing und Lin Biao (Verteidigungsminister) ausgelöst. Zur Durchsetzung ihrer Ziele mobilisierte sie Millionen von Studenten und Schülern, die sich in Roten Garden organisierten; diese terrorisierten v. a. in den Großstädten die Kritiker Mao Zedongs (Durchführung von ›Kampfversammlungen‹; Demütigung, Misshandlung oder Tötung von Funktionären, Wissenschaftlern und Lehrern; Wohnungsdurchsuchungen und -verwüstungen) und zerstörten zahlreiche Kulturgüter (Tempel, Kirchen). Universitäten und Schulen blieben jahrelang geschlossen. Um die Propagierung von Ideen kam es zwischen den ›Rotgardisten‹ zeitweilig zu einem regelrechten ›Wandzeitungskrieg‹ in den Städten. ›Sonderuntersuchungsgruppen‹, die im Auftrag der maoistischen Führung während der Kulturrevolution den politischen Terror bürokratisch organisierten und zu lenken versuchten, schufen sich ein weit verzweigtes Informations- und Spitzelnetz in ganz China, verhafteten zur Vorbereitung politischer Säuberungen Zehntausende hochrangiger Kader und lieferten die in Ungnade Gefallenen häufig gezielt den ›kulturrevolutionären‹ Massen aus.
Die Kulturrevolution führte zur weitgehenden Zerschlagung des chinesischen Partei- und Staatsapparates (u. a. Sturz Liu Shaoqis und Deng Xiaopings). Sie war von einer kultischen Verehrung Mao Zedongs (Rot) (›Großer Vorsitzender‹, ›Großer Steuermann‹) begleitet; es kam zu einer massenhaften Verbreitung seines ›Roten Buches‹ (auch als ›Mao-Bibel‹ bekannt). Die zunehmend außer Kontrolle geratenen und seit Anfang 1967 von militanten ›Roten Rebellen‹ (Gelegenheitsarbeiter, Lehrlinge) unterstützten Roten Garden, die v. a. in den Provinzstädten auf harten Widerstand stießen (bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen), wurden 1967/68 in blutigen Aktionen von der Armee diszipliniert, die als Ordnungsmacht, u. a. durch ihre führende Beteiligung bei der Schaffung von ›Revolutionskomitees‹, stark an Einfluss gewann (Blau). Millionen von Jugendlichen wurden anschließend zur Arbeit aufs Land verschickt.
Die Kulturrevolution sollte eigentlich mit dem IX. Parteitag der KPCh im April 1969 zu Ende gehen, hatte sich aber verselbstständigt und führte zu erneuten machtpolitischen Kämpfen (Wechsel zwischen ultralinker und pragmatischer Politik), die bis 1976 andauerten. Diese ›zehn Jahre Chaos‹ waren in ihrer zweiten Hälfte u. a. geprägt durch einen Putschversuch des an Einfluss zunächst übermächtigen, seit 1971 jedoch von Mao Zedong gebremsten und im gleichen Jahr ausgeschalteten Lin Biao, durch eine Rückkehr der ›Gemäßigten‹ unter Zhou Enlai (ab 1972/73) und schließlich durch den ›Gegenangriff‹ der Linken (ab 1973), v. a. der späteren Mitglieder der 1976 gestürzten Viererbande. Die meisten während der Kulturrevolution verfolgten Politiker und Intellektuellen wurden später rehabilitiert. (Die Darstellung der Kulturrevolution ist eine leicht gekürzte Fassung des entsprechenden Artikels in der Brockhaus-Enzyklopädie).
Die Kulturrevolution spielte sich nahezu ausschließlich unter dem Einfluss des blauen, und roten Wertemems ab (siehe Abbildung 10). Das wachsende grüne Wertemem und das sich in Relation dazu konstant abschwächende Orange zeigten während der 10 Jahre der Kulturrevolution keine Veränderungen. Mao Tse-tung als intellektueller Urheber der Kampagne hatte aus der in den Jahren 1958 bis 1961 stattgefundenen Kampagne „Großer Sprung nach vorn“, die in einer großen Hungersnot endete, gelernt und bewusst die chinesische Wirtschaft von der Kulturrevolution ausgenommen.
Es ist besonders hervorzuheben, dass es offensichtlich durch die Wirren der Kulturrevolution zu einer zeitverzögerten Hervorbringung des gelben Wertemems (ab ca. 1970) und durch das entstandene Chaos zur Reaktivierung des archaischen beigen Wertemems (ebenfalls ab ca. 1970) gekommen ist. Die Höhepunkte dieser Wertememe waren bis zum Ende der 1990er Jahre überschritten.
Etwa mit dem Beginn der Kulturrevolution setzte ein forciertes Wachstum des türkisen Wertemems ein. Hierin ist eine Besonderheit gegnüber anderen Kulturen zu sehen, die mit der langen Geschichte der chinesischen Kultur und ihrer Andersartigkeit gegenüber den westlichen Kulturen zu tun haben mag. Nachfolgend sind einige Schlaglichter auf diese Kultur zum Verständnis der hohen Anteile des gelben und türkisen Wertemems erforderlich. Ich folge dabei den Darstellungen Joseph Needhams in „Wissenschaftlicher Universalismus – Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft“
Wie auch in der griechischen und römischen Philosophie des Altertums gab es in China Erzählungen von einem „Goldenen Zeitalter“, das hier „Große Gemeinschaft“ (Ta T'ung) und „Großer Friede und Gleichheit“ (T'ai P'ing) hieß. Die Interpretation dieser Zeit umfasste sowohl Erzählungen der Vergangenheit wie auch der Zukunft. Auch war es unbestimmt, ob dieser Zustand, falls er geschichtlich war, wiederkehren würde oder ob man nur in der Zukunft darauf hoffen durfte. Der Begriff „T'ai P'ing“ tauchte in den klassischen Schriften Chinas erstmals 239 v. Chr. in den „Frühlings- und Herbstannalen des Meisters Lü“ auf. Er bezeichnet dort einen Zustand des Friedens und des Wohlstandes, der durch Musik, die mit den zyklischen Operationen der Natur harmonisiert, magisch hervorgebracht werden kann. Zu diesen Vorstellungen trugen die Drei Lehren (Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus), aber auch andere philosophisch-religiöse Richtungen jeweils in spezifischer Weise bei. Die noch in dieser Tradition stehende und mit dem westlichen Denken konfrontierte um 1884 geschriebene konkrete Utopie des K'ang Yu-Wei mit dem Titel „Buch der großen Gemeinschaft“ wurde in den Slogans der politischen Parteien – sowohl der Kuomintang als auch der Kommunisten – aufgegriffen.
Abbildung 11
Zu allen Zeiten – soweit es sich zurück verfolgen lässt – bestand in China die Vorstellung eines Zeitenwechsels, der entweder als Niedergang nach einer Hochphase oder als Wechselspiel verschiedener Hoch- und Tiefphasen oder als kontinuierlich fortschreitender evolutionärer Prozess verstanden wurde. Im Hinblick auf die Entwicklung moderner Wissenschaft und des damit einhergehenden Weltbildes waren die Lehren des Daoismus für die Entwicklung bestimmend. Sie hatten große Hochschätzung für den Relativismus (Grün) sowie für die Differenziertheit und Unbegrenztheit des Universums. Aus heutiger Sicht standen sie damit einem Weltbild nach Einstein näher als einem nach Naturgesetzen funktionierenden mechanischen Weltbild, wie es in Europa entwickelt wurde. Wie Joseph Needham darlegte streckten die Chinesen „ihre Hände nach einem Einsteinschen Weltbild aus, ohne die Grundlagen für das Newtonsche gelegt zu haben.“ Hierin ist vermutlich der Grund zu suchen, dass im derzeitigen China mit den Mitteln der Newtonschen Mechanik versehen an die bereits bestehenden Werteansätze des Grün und der höherer Ordnung (Gelb und Türkis) angeknüpft werden kann und ein rasches Wachstum dieser Wertememe möglich wurde.
Auch für China lässt sich langfristig eine enge Abhängigkeit zwischen dem orangen Wertemem und dem Geld feststellen, wobei jedoch wesentliche Unterschiede des Wertespektrums im Vergleich zu Europa bestehen.
(Wird fortgesetzt)