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Abb.: Die Vier Quadranten im Modell der integralen Theorie |
Integrale Theorie
In diesem Projekt geht es um einen praktischen Beitrag, die Entwicklung einer ganzheitlichen Weltsicht voranzubringen und jene Orte und Strukturen sichtbar zu machen, in denen sich neue evolutionäre Keime bilden. Das Instrumentarium dazu ist auf die Integrale Theorie von Ken Wilber und die Spiral Dynamics nach Don Beck und Christopher Cowan gestützt. Wichtige Vordenker auf diesem Weg sind u. a. Aurobindo Ghose, Jean Gebser, Teilhard de Chardin und Clare Graves. Sie alle versuchten und versuchen vormoderne, moderne und postmoderne, östliche und westliche, spirituelle und wissenschaftliche Einsichten in einem großen Denkmodell unterzubringen. Der aktuellste und einflussreichste Denker in dieser Reihe ist Ken Wilber, dessen mehr als 20 Bücher ihn zum Vordenker einer neuen globalen spirituellen Bewegung gemacht haben.
Ken Wilber wurde am 31. Januar 1949 in Oklahoma City geboren. Der Sohn eines US-Offiziers studierte zunächst Biochemie, kehrte dem Akademiebetrieb aber bald den Rücken, um als Autodidakt Psychologie, Philosophie und die westlichen und östlichen Weisheitslehren zu erforschen. Als sein Hauptwerk gilt »Eros, Kosmos, Logos« (1995). Wilber beruft sich auf europäische Denker, die aus seiner Sicht einen integralen Kontext vorwegnahmen, etwa Plotin, Meister Eckhart, Schelling, Hegel, aber auch Rudolf Steiner sowie Teilhard de Chardin und Jürgen Habermas.
Der aus der Zen-Praxis kommende Wilber wurzelt zwar stark in buddhistischen Denktraditionen, öffnet sich aber auch zunehmend für das Christentum. Er blickt weniger auf die Vergangenheit des Christentums als auf dessen transformierendes Potenzial für die Zukunft. In seinen Werken vermittelt Ken Wilber Wege zu einem integralen Lebensstil, in dem Körper, Geist und Seele unter anderem mit Techniken wie Meditation, Yoga, Tai-Chi, aber auch Psychoanalyse und Bodybuilding zu mehr Harmonie verbunden werden sollen.Charakteristisch für Ken Wilbers integrales Denkmodell sind die vier Quadranten als Ordnungssystem, in das alles, was im weitesten Sinne an Erkenntnissen, Erfahrungen, Denken und Fühlen in die Menschheit gelangt ist, eingeordnet und so bildhaft vermittelt werden kann. In seinen Büchern „Integrale Spiritualität“ und „Ganzheitlich handeln“ macht Ken Wilber dieses am Beispiel der Medizin deutlich:
„Die orthodoxe oder konventionelle Medizin ist ein klassischer Ansatz des oberen rechten Quadranten. Sie beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem physischen Organismus und arbeitet mit physischen Eingriffen: Chirurgie, Schmerzbetäubung, medikamentöse Behandlung und Verhaltensmodifizierung. Die orthodoxe Medizin geht grundsätzlich davon aus, dass physische Krankheiten physische Ursachen haben, und behandelt sie deswegen meist mit physischen Interventionen.
Das Integrale Modell hingegen behauptet, dass jedes physische Geschehen (oben rechts) mindestens vier Dimensionen (die Quadranten) hat, und deswegen müssen wir uns körperliche Krankheiten von allen vier Quadranten aus anschauen (ganz zu schweigen von den Ebenen, denen wir uns später zuwenden werden). Das Integrale Modell behauptet nicht, der obere rechte Quadrant sei unwichtig, sondern dass er für sich genommen nur ein Viertel der Geschichte ausmacht.
Das in jüngster Zeit explodierende Interesse an alternativen Behandlungsmethoden – ganz zu schweigen von Disziplinen wie der Psychoneuroimmunologie – hat deutlich gezeigt, dass die inneren Zustände der Person (ihre Emotionen, ihre psychologischen Einstellungen, inneren Bilder und Absichten) sowohl für die Ursache als auch für die Behandlung jeder physischen Krankheit eine entscheidende Rolle spielen. Mit anderen Worten: Der obere linke Quadrant ist ein Schlüsselfaktor für jede umfassende medizinische Versorgung. Visualisierungen, Affirmationen und der bewusste Einsatz von inneren Bildern, so hat sich empirisch erwiesen, spielen bei der Bewältigung der meisten Krankheiten eine bedeutende Rolle. Und es hat sich gezeigt, dass die Behandlungsergebnisse auf emotionalen Zuständen und mentalen Einstellungen beruhen.
Aber so wichtig diese subjektiven Faktoren auch sind, individuelles Bewusstsein existiert nicht in einem Vakuum, sondern ist fest verwurzelt in allgemeinen kulturellen Werten, Überzeugungen und Weltanschauungen. Die Einstellung, die eine Kultur (unten links) einer bestimmten Krankheit entgegenbringt – Anteilnahme und Mitgefühl oder Verachtung und Spott –, kann tief greifende Auswirkungen auf den Umgang des Individuums mit dieser Krankheit haben (oben links), was sich wiederum direkt auf den körperlichen Verlauf der Krankheit selbst (oben rechts) auswirken kann. Der untere linke Quadrant umfasst die enorm große Anzahl intersubjektiver Faktoren, die für jede menschliche Interaktion von entscheidender Bedeutung sind – wie zum Beispiel die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die Einstellungen von Familie und Freunden und wie sie diese dem Patienten vermitteln, die kulturelle Akzeptanz (oder Ächtung) der speziellen Krankheit (zum Beispiel Aids) und die Werte eben der Kultur, welche diese durch die Krankheit bedroht sieht.“
„Der Unten-Rechts-Quadrant betrifft alle jene materiellen, ökonomischen und sozialen Faktoren, die fast niemals als Aspekt der jeweiligen Krankheit angesehen werden, die jedoch tatsächlich – wie jeder andere Quadrant – Auswirkungen auf Krankheit und Heilung haben. Ein Gesellschaftssystem, das die Ernährung nicht sicherstellen kann wird uns umbringen (wie leider täglich durch viele Länder, in denen Hunger herrscht, demonstriert wird). Doch gilt selbst für entwickelte Länder: Leidet man an einer lebensbedrohenden, jedoch therapierbaren Krankheit und ist die private Krankenversicherung die einzige verfügbare Geldquelle, so wird man sterben, wenn diese Finanzierungsquelle für die Therapie nicht ausreicht. Eine der Ursachen deines Todes ist dann – Armut. Da wir gewöhnlich nicht auf diese Weise denken, sagen wir: „Der Virus hat ihn umgebracht“ (Anm: Auf die Situation in Deutschland bezogen müsste das Beispiel auf die gesetzlichen Krankenkassen ausgedehnt werden). „Als die amerikanische „Bundesbehörde für Nahrungsmittel und Medikamente“ die Zulassung von Arzneien stoppte, die gegen Aids helfen könnten, protestierte ein Aids-Kranker vor dem Kongress mit den Worten: „Lassen Sie nicht zu, dass auf meinem Grabstein steht ‚Er starb an der Bürokratie’.“
„All diese Faktoren sind bis zu einem gewissen Grad ursächlich an jeder körperlichen Krankheit und deren Behandlung beteiligt (einfach weil jede Begebenheit vier Quadranten hat). (…)
Kurz gesagt, ein wirklich effektiver und umfassender medizinischer Behandlungsplan würde alle Quadranten und alle Ebenen mit einschließen: Die Idee ist einfach, dass jeder Quadrant oder jede Dimension – ein Ich, Wir, Es und Sie – physische, emotionale, mentale und spirituelle Ebenen oder Wellen hat, und eine wirklich integrale Behandlung würde all diese Realitäten berücksichtigen. Dieser Typ von integraler Behandlung ist nicht nur effektiver, sondern auch kosteneffizienter – und aus diesem Grund beschäftigt sich selbst die institutionalisierte Medizin eingehender damit. (…)“
Die Anwendung der beschriebenen Modells ist auf alle Weltanschauungen, Philosophien, Religionen und Wissenschaften möglich, ohne den Anspruch zu erheben, selbst an ihre Stelle treten zu müssen. Die Grundidee ist vielmehr, dass das Bild des Kosmos umso genauer wird, je mehr der verschiedenen Weltanschauungen in eine größere Vision einbezogen werden. Diese umfassendere Sicht kann dann auf der individuellen Ebene bei der Transformation zu höheren Bewusstseinsebenen helfen und als ganzheitliches Klassifizierungssystem dienen, das die zahlreichen Weltanschauungen in Beziehung zueinander setzt und die unersetzliche Wichtigkeit jedes einzelnen aufzeigt.
Es soll an dieser Stelle nicht versucht werden, eine umfassende Darstellung der integralen Theorie zu geben. Hierzu wird auf die umfangreichen Angebote im Internet und die Originalliteratur von Wilber, Beck und Cowan verwiesen. An dieser Stelle sollen lediglich zwei Grundaussagen der Theorie kurz dargestellt werden:
Ganzheit ist mehr als die Summe ihrer Teile. Sie bindet die Teile zu etwas Neuem zusammen und gewinnt so an Bedeutung. Daraus entstehen Hierarchien. Diese Hierarchien sind nicht linear aufgebaut, wie etwa die Sprossen einer Leiter, sondern besitzen einen komplexen Charakter. Sie sind vorstellbar als ineinander passender Satz chinesischer Schachteln oder russischer Matrjoschkas (bekannter als Babuschkas), die jede für sich die gleiche Komplexität aufweisen, jedoch mit jeder Schicht etwas umfangreicher werden.
Alle bekannten Entwicklungs- und Evolutionsabläufe vollziehen sich hierarchisch oder nach einer Stufenfolge zunehmender Ganzheitlichkeit. So werden beispielsweise aus Atomen Moleküle, aus Molekülen Zellen, aus Zellen Organe, aus Organen werden Organsysteme und Organismen und aus diesen schließlich Gesellschaften.
Veränderungsprozesse werden sowohl durch „Aufwärts-Kausalität“ wie durch „Abwärts-Kausalität“ bewirkt, d. h. das Ganze ist zu einem gewissen Grad durch seine Teile bestimmt (Aufwärts-Kausalität), aber gleichzeitig sind die Teile zu einem gewissen Grad durch das Ganze bestimmt (Abwärts-Kausalität). So bewegen sich als Beispiel für „Abwärts-Kausalität“ bei der Bewegung des Armes alle Atome, Moleküle und Zellen des Armes mit.
Durch die von Wilber so genannte Prä-/Transverwechslung wird zum Ausdruck gebracht, dass prärationale (infantile) und transrationale (spirituelle) Zustände beide auf ihre je eigene Weise nichtrational sind und dennoch vom nicht geschulten rationalen Beobachter als ähnlich, wenn nicht sogar identisch erachtet werden. Durch diese Gleichsetzung kommt es zu zwei verbreiteten Denkfehlern: a) höhere Bewusstseinszustände (echte mystische oder kontemplative Erfahrungen) werden aus rationaler Sicht entweder auf regressive Prozesse und infantiles Verhalten reduziert oder b) für den Fall, dass höhere und mystische Zustände akzeptiert werden, kommt es zur Glorifizierung prärationaler infantiler Zustände, von Wilber „Elevationismus“ genannt.
Als Protagonisten dieser Denkfallen werden von Wilber Sigmund Freud (Reduktionist) und C. G. Jung (Elevationist) genannt.
Der Verlauf der Evolution zeigt, dass neu aufgetretene Probleme existenzieller Tragweite erst auf einer höheren Entwicklungsstufe gelöst werden können. Es ist daher eine wesentliche Absicht der integralen Theorie, die Erreichung höherer Entwicklungsstufen, d. h. die Erreichung transrationaler Zustände zu ernöglichen. Hierbei ist die Vermeidung der Prä-/Transverwechslung von entscheidender Bedeutung, da die Erreichung höherer Evolutionsstufen nur durch Transzendierung der Vernunft erreicht werden kann.
Wie wichtig die Anwendung der in der integralen Theorie beschriebenen Methode einer von der Menschheit bewusst voran getriebenen Evolution angesichts der gegenwärtigen Weltzustände ist, belegen zahlreiche Buchveröffentlichungen. Es wächst die Sehnsucht nach einer „Weltenwende“, wie sie z. B. von Ervin Laszlo als Beitrag zum spekulativen Ereignis „21.12.2012“ beschrieben wird.
Es sind aber nicht nur diese globalen Themen, die uns beunruhigen, sondern die voranschreitende Unordnung macht sich auch in alltäglichen Entscheidungen bemerkbar. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen zunehmend auf den alltäglichen Feldern der Medizin, der angewandten Biologie, des Rechts, der Klimaforschung, des Verbraucherschutzes und der entsprechenden Politiken ethische Probleme auf, die aus ungenau werdenden oder sich auflösenden Grenzziehungen zwischen inneren und äußeren Aspekten der jeweiligen Entscheidungsfelder resultieren. Hierzu einige Beispiele:
· Dem Bildungssystem liegt die Annahme zu Grunde, dass eine Unterscheidung zwischen angeborener und erworbener Intelligenz möglich ist. Diese Unterscheidung wird durch die Ergebnisse der modernen Neurobiologie stark in Frage gestellt. Die hier in Bewegung geratenden Grenzen zwischen Intelligenz des Individuums – einer vermeintlich naturwissenschaftlichen Erkenntnis - und dem Schulsystem – einer gesellschaftlichen Institution - einerseits und dem Individuum und dem konkret handelnden Lehrer im Rahmen von Bildungs- und Erziehungsprozessen andererseits führt zu latent vorhandenen Konflikten zwischen Schülern und Lehrern, zwischen Schülern und Eltern, wie auch zwischen Lehrern, Eltern und Politik, da die Rückholung einmal gefällter Entscheidungen im Gesellschaftssystem nicht vorgesehen ist und allenfalls gegen den Widerstand von Interessengruppen erkämpft werden kann.
· Der zu beobachtende Klimawandel ist bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen, eine breite öffentliche Diskussion über die Folgen blieb jedoch aus. Erst mit zunehmender Dichte der ab Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelten Fakten kam es zunächst Ende der sechziger Jahre in den USA und dann in den frühen siebziger Jahren auch in der Bundesrepublik zu einer öffentlichen und politischen Debatte über den Anteil des Menschen an dem beobachtbaren Klimawandel. Die auf nationaler und internationaler Ebene geführten Diskussionen, Verhandlungen und Konferenzen sowie die daraus resultierenden Entscheidungen zogen in diesem Entscheidungsfeld erstmalig eine Grenze zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichem Handeln und gewannen erst dadurch den Stellenwert, der ihnen zu kommt. Schließlich wurde hier eine Grenze ausgehandelt, die bei 2° C liegt und überwiegend politisch beeinflusst ist. Dieser Vorgang kann daher als Begrenzung der Deutungshoheit der Naturwissenschaften durch die Gesellschaft verstanden werden.
· Es vergeht kaum eine Woche, in der die Medien nicht über einen neuen Fall von Sportler-Doping berichten. Doping ist sicher kein neues Phänomen, wie wir nicht zuletzt aus den Berichten ehemaliger DDR-Sportler und –Sportfunktionären wissen. Jedoch haben die medizinisch-technologischen und pharmakologischen Fortschritte dazu geführt, dass eine scharfe Unterscheidung von gedoptem und nicht gedoptem Sportlerkörper nicht mehr möglich ist. Neue Doping-Definitionen, die Intensivierung der Doping-Kontrollen und die Entwicklung neuer Labortechniken führen dazu, dass der Körper des Spitzensportlers unter gesellschaftliche Kontrolle gestellt wird. Darüber hinaus werden diese Grenzziehungen selber durch eine neue Generation von Dopingtechniken, die den Körper des Sportlers genetisch verändern, in Frage gestellt. Die Anwendung dieser Dopingmethoden führt zu einer Auflösung der Grenzen zwischen gedopten und nicht gedopten Sportlern, so dass eine Neubestimmung des Begriffs „Spitzensportler“ notwendig wird. Hier werden ethische Fragestellungen aufgeworfen, die weit über den Bereich des Sports hinaus reichen.
· Die Bestimmung des Augenblicks, in dem der Embryo im Mutterleib zum Fetus wird ist ein Entwicklungsstadium des Menschen und eine Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Individuum sowie zwischen Individuum und Gesellschaft, an der traditionell nicht nur wissenschaftliche Institutionen beteiligt waren. Als wesentliche Kontrahenten treten hier die christlichen Kirchen und die Vertreter der Naturwissenschaften auf. Der Beginn der öffentlichen Auseinandersetzung um den Beginn des Menschseins kann auf die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts datiert werden, als die Abschaffung des § 218 Strafgesetzbuch von den Sozialdemokraten im deutschen Reichstag angestrebt wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigte sich die Vielschichtigkeit der Auffassungen zum Schwangerschaftsabbruch, die von der totalen Abschaffung der Strafandrohung über die Fristenlösung bis zum erweiterten Indikationsmodell reichten. Die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder aufgenommene Diskussion hatte sich einer völlig anderen Situation zu stellen. Die technischen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, der Prä-Implantations-Diagnostik und das therapeutische Klonen führten zu einer Verwissenschaftlichung (Medizin, Biologie) und Ausdehnung der Diskussion auf viele gesellschaftliche Institutionen (Familie, Recht, Religion, Philosophie). Es zeichnete sich die Notwendigkeit neuer Grenzziehungen ab, die je nach Fragestellung zu unterschiedlichen Definitionen des Lebensbeginns führten. Die ursprünglich durch überwiegend soziale Notlagen geprägten Probleme des Schwangerschaftsabbruchs wurden nun durch Forschungs- und Wirtschaftsinteressen am werdenden Menschen ergänzt. Während die gesetzliche Regelung des § 218 zum Schwangerschaftsabbruch eine Frist bis zur 12. Schwangerschaftswoche enthält, sind die Regelungen im Embryonenschutzgesetz wesentlich restriktiver gehalten. Ein dem Schutz des Gesetzes unterliegender Embryo liegt bereits 24 Stunden nach der Verschmelzung von Samen- und Eizelle vor. Darüber hinaus ist es in der Rechtswissenschaft strittig, ob einem ungeborenen Kind bereits Rechte als eigenständige Person zukommen. Diese Situation hat zu einem Pragmatismus in den verschiedenen institutionellen Bereichen geführt, der moralische Bedenken weitgehend in den Hintergrund gedrängt hat.
· Ein weiteres Beispiel ist die Verwischung der Grenze zwischen herkömmlich angebauten und gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln. Zwar waren die bis zum Beginn der Gentechnik industriell hergestellten Nahrungsmittel in einem ursprünglichen Sinn bereits denaturiert, jedoch führt die Gentechnik durch ausgewählte neue Eigenschaften der verwendeten Organismen über Artgrenzen hinweg wesentliche qualitative Veränderungen ein, die mit der traditionellen Züchtung kaum etwas gemeinsam haben. Ein weiterer Aspekt betrifft die nicht zu vermeidende Vermischung herkömmlicher Nahrungsmittel mit gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln (Vermischung beim Transport, natürliche Verbreitung und Vermischung auf dem Feld).
Aus den aufgeführten Beispielen sollte deutlich werden, dass mit fortschreitender Entwicklung und Spezialisierung Konflikte zwischen Natur und Gesellschaft auftreten, die häufig mit Interessenkollisionen und mangelndem Wissen zusammenhängen. In solchen Fällen wird versucht, die Entscheidungskompetenz für die Naturwissenschaften durch den Verweis auf zukünftige Forschungsergebnisse zu erhalten. Ziehen sich diese Hinhalteversuche jedoch über lange Zeiträume hin, verliert dieses Argument an Glaubwürdigkeit.
Eine andere Strategie an der strittigen Grenze zwischen Natur und Gesellschaft ist die Relativierung von bisher als essentiell dargestellten Merkmalen wie etwa die von christlicher Seite angeführte Beseelung des Embryos bzgl. der Abtreibung und der zur Stärkung der eigenen Position dienende Verweis auf die naturwissenschaftlich belegten Fakten. Nach Lage dieser Fakten wäre z. B. analog zum Embryonenschutz eine Abtreibung ab dem Zeitpunkt der Keimzellenverschmelzung – also zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt als bisher - zu versagen.
Die fehlende wissenschaftliche Klärung neu auftauchender Fragen führt bei den Praktikern oft zum Rückgriff auf Erfahrungswissen, wie im Fall der Verfütterung von Futtermitteln aus tierischen Bestandteilen (Fisch-, Fleisch- und Blutmehle) die zur Ausbreitung von BSE führen. Dem wissenschaftlichen Wissen stand auf diesem Gebiet ein praktisches Wissen der Viehzüchter über mögliche schädliche Folgen dieser Futterpraxis gegenüber. Diese Kenntnisse gehen wahrscheinlich auf praktische Erfahrungen aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zurück, sie wurden jedoch seitens der Wissenschaft als Alltagswissen und damit als nicht relevant abqualifiziert. Dieser Vorgang kann als bewusste Unterdrückung von Erfahrungswissen bezeichnet werden, die in großem Umfang auch im Bereich der Medizin praktiziert wird.
Worauf es bei der Darstellung der aufbrechenden Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft ankommt ist die Erkenntnis, dass die Trennung der überkommenen Zuständigkeiten – hier die materielle Welt, dort die geistig-psychische Welt – nicht mehr eindeutig ist und an lebenswichtigen Stellen nicht mehr funktioniert. Dort wo sie durch die genannten Ausweich- und Verschleierungsstrategien zur Sicherung des überkommenen Machtgefüges aufrecht gehalten werden, treten so genannte „nicht – intendierte“ Nebenfolgen auf (siehe BSE, Vogelgrippe, Nebenwirkungen von Arzneimitteln u.v.m.). Im Militärjargon werden diese Folgen „Kollateralschäden“ genannt.
Zu den nicht - intendierten Nebenfolgen gehören auch die politischen Turbulenzen, die auf institutioneller Ebene die in Bewegung geratenen Grenzen signalisieren und den Eindruck von politischem Chaos hinterlassen. So wurde die neue Situation auch zum Forschungsgegenstand der Sozialwissenschaften, auf deren Erkenntnissen sich dieser Text u. a. stützt.
Es gibt eine öffentliche Erregung in ethischen Fragen. So ergoss sich z. B. die öffentliche Empörung über ein amerikanisches Paar, welches taub war und nur ein ebenfalls taubes Kind akzeptieren wollte. Mit Hilfe der Invitro-Fertilisation hatte es seinen Plan auch verwirklicht. Die Empörung über Verletzungen der Menschenrechte, wie sie an Frauen und Kindern in den latenten Kriegsgebieten der Erde als Vergewaltigungen und Rekrutierung von Kindersoldaten oder aus religiösen Gründen in Nordafrika als Genitalverstümmelung verübt werden scheint darauf hinzuweisen, dass es jenseits aller privaten und publizistischen Zugänge zur Wirklichkeit doch eine Ebene gibt, die uns nach ethischen und moralischen Normen sowie einer entsprechenden Verbindlichkeit des Verhaltens rufen lässt.
