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Intuition

Intuition ist die Spur des Unterbewussten in unserer Wahrnehmung. Immer wenn von Bauchgefühl, Geistesblitzen, "gefühltem Wissen", "siebtem Sinn", "implizitem Wissen", "emotionaler Intelligenz" oder "gesundem Menschenverstand" die Rede ist spielt Intuition eine große Rolle. Sie ist demnach weit verbreitet und von grundlegender Bedeutung für unser Leben. Ohne sie wären viele Entscheidungen im täglichen Leben eine Qual mit chaotischen Folgen, viele Ideen und Erfindungen würden die reale Welt nicht erreichen und wir wären in vielen Situationen, die schnelles Handeln erfordern unter Preisgabe unserer Gesundheit und des Lebens verloren.

Wenn wir versuchen, Intuition zu beschreiben wird uns bewusst, dass es hier um ein Phänomen geht, dass nur selbsterklärend in Aktion erfasst werden kann. So wird ihr von den Naturwissenschaften entgegen gehalten, sie könne sich nur in naiver Weise beweisen und zerfalle bei Hinterfragung. Und so gilt der Ausspruch des Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", oder wie Goethe den Teufel im "Faust" sprechen lässt : "…Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen, Alle sechs Tagewerk im Busen fühlen, In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen, Bald liebewonniglich in alles überfließen, Verschwunden ganz der Erdensohn, Und dann die hohe Intuition - (mit einer Gebärde) Ich darf nicht sagen wie - zu schließen."

Andererseits berufen sich auch moderne Naturwissenschaftler auf ihre intuitiven Fähigkeiten und die verbraucherorientierten Massenprodukte der Technik werden danach beurteilt, ob die Bedienung "intuitiv" möglich ist. Schon längst gilt nicht mehr, was noch Friedrich Nietzsche über den gesellschaftlichen Wert der Intuition bemerkte: "Woher nur der Glaube, dass es allein beim Künstler, Redner und Philosophen Genie gebe? dass nur sie "Intuition" haben? (womit man ihnen eine Art von Wunder-Augenglas zuschreibt, mit dem sie direkt in's "Wesen" sehen!)". Nietzsche stellt die Hypothese auf, dass es den Menschen gerade dort gefällt, den Genius zu entdecken, wo es wegen des erforderlichen Maßes an Anstrengung, Begabung oder Intellekt nicht sinnvoll erscheint, Neid zu erzeugen. Schon längst ist aber der "Genius" von der Notwendigkeit der Intuition befreit. Perfekte Inszenierungen des Fernsehens gaukeln einem staunenden Publikum eine Genialität vor, die nur scheinbar auf Intuitionen beruht, tatsächlich aber nur darauf beruht, dass die Definitionsmacht auf die Medien übergegangen ist - sie bestimmen in Wirklichkeit, was genial ist. Wer dafür einen Beweis benötigt schaue sich die Einschaltquoten an.

Aus empirischer Sicht - also auch vom Standpunkt konformistischer Wissenschaft - muss Wissen bewusst gehalten werden und sprachlich ausdrückbar sein. Viele Fakten sprechen aber dennoch dafür, dass unbewusst erhaltenes und nicht artikulierbares Wissen einen wesentlichen Anteil bei der Festlegung unserer Verhaltensmuster hat. Der Philosoph Michael Polanyi bezeichnet solches Wissen als "unbeschreiblich" und bemerkt, dass "… alle Fachleute eine Masse von fachlichem Wissen dieser Art besitzen … sie wissen viel mehr Dinge, als sie sagen können, Dinge, die sie nur praktisch wissen, als instrumentelle Einzelheiten und nicht ausdrücklich als Gegenstände". Auch unsere Gefühle unterliegen den Beschränkungen des Unausdrückbaren und sind im wahrsten Sinne des Wortes "unaussprechlich". Davon weiß jeder ein "Lied zu singen", der einem Mediziner oder ganz allgemein einem Therapeuten schon einmal seine Schmerzempfindungen beschreiben sollte. Dafür sind neurophysiologische Verhältnisse in unserem Gehirn verantwortlich. Während unser bewusstes Wissen im Neocortex (Großhirnrinde), dem stammesgeschichtlich jüngsten Teil unseres Gehirns verarbeitet wird, sind unsere Instinkte, Emotionen und Werte in den primitiven Teilen unseres Gehirns beheimatet. Sie haben sich als erstes im Verlauf der menschlichen Evolution entwickelt. Versuche, die eine Verlagerung von Hirnfunktionen aus der älteren unbewussten Region zu sehr bewussten Ebenen der Großhirnrinde zum Ziel hatten, führten zu Fehlanpassungen und Ausfällen. Michael Polanyi beschreibt dieses am Beispiel eines Pianisten: "Wenn ein Pianist seine Aufmerksamkeit von einem Stück, das er spielt, auf die Beobachtung dessen lenkt, was er, während er es spielt, mit seinen Fingern tut, kommt er durcheinander und muss unterbrechen. Dies geschieht ganz allgemein, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf Einzelheiten richten, die wir vorher nur in ihrer Nebenrolle bemerkt haben". Bei intuitiven Entscheidungen sind viele Nervenzentren im Gehirn aktiv. Mit ihrer Hilfe erfassen wir einen Sachverhalt blitzschnell - ohne nachzudenken. Umgekehrt ist auch - wie in dem Beispiel des Klavierspielers - eine Steuerung der Finger (also Entscheiden und Handeln) ohne nachzudenken möglich. (Nebenbei: Wer kennt nicht die verweifelte Situation nach Verlassen der Wohnung, wenn jemand fragt, ob man auch die Wohnungstür abgeschlossen hat?)

Neueste Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung postulieren die Theorie der somatischen Marker . Diese Theorie des Neurowissenschaftlers Antonio Damásio besagt, dass alle Erfahrungen des Menschen im Laufe seines Aufwachsens in einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert werden. In jeder Situation aktualisiert das Gehirn viele Vorerfahrungen und damit auch Handlungsalternativen, die aus der konkreten Biographie des einzelnen stammen, und deren Folgen, die vom Gehirn bewertet werden: "Wenn das unerwünschte Ergebnis, das mit einer gegebenen Reaktionsmöglichkeit verknüpft ist, in Ihrer Vorstellung auftaucht, haben Sie, und wenn auch nur ganz kurz, eine unangenehme Empfindung im Bauch". Das sind die vom Körper geleisteten wertenden Kennzeichen (somatische Marker) von aktualisierten Vorerfahrungen, die mit Vorstellungsbildern verknüpft vom einzelnen gespürt werden und ihm signalisieren: Unangenehm! Tu das nicht! Damasio meint, dass mit dieser negativen Empfindung die damit gekoppelte Vorstellung einer Alternative ausfällt. "Das automatische Signal schützt Sie ohne weitere Umstände vor< künftigen Verlusten und gestattet Ihnen dann, unter weniger Alternativen zu wählen". Und für diese dann zu leistende Auswahl nimmt er an, dass sie rational bewusst erfolgt. Das sei dann möglich, weil durch die somatischen Marker, die Zahl der Alternativen geschrumpft sei. "Wahrscheinlich erhöhen somatische Marker die Genauigkeit und Nützlichkeit der Entscheidungsprozesse. Diese nehmen ab, wenn die somatischen Marker fehlen. (...) Dabei sagt die Hypothese nichts über die logischen Schritte aus, die auf die Intervention des somatischen Markers folgen. Kurzum, somatische Marker sind ein Sonderfall der Empfindungen, die aus sekundären Gefühlen entstehen. Von diesen Gefühlen und Empfindungen ist durch Lernen eine Verbindung zur Vorhersage künftiger Ergebnisse bestimmter Szenarien hergestellt worden. Wenn sich ein negativer somatischer Marker in Juxtaposition (Nebeneinanderstellung, E.B.) zu einem bestimmten künftigen Ergebnis befindet, wirkt diese Zusammenstellung wie eine Alarmglocke. Befindet sich dagegen ein positver somatischer Marker in Juxtaposition, wird er zu einem Startsignal".

Damasio nimmt an, dass diese Wertung der möglichen Handlungsalternativen im persönlichen und sozialen Lebensraum durch somatische Marker erfolgt und erfolgen kann, weil jeder in diesen Lebensbereichen Erfahrungen gemacht hat, die dem Gehirn zur Verfügung stehen. Das ist bei jedem Menschen anzunehmen, wenn er nicht bestimmte Hirnläsionen (Hirnverletzungen, W.B.) hat wie Gage oder wenn er in seiner Umwelt, diese Gefühle und Wertungen nicht erlebt hat und so nicht lernen konnte. Das sind dann die Menschen, die ohne Gefühle, eiskalt zu handeln scheinen und auch nach Verbrechen keine Reue oder Schuldgefühle erkennen lassen. Man hat sie auch Psychopathen genannt, Menschen ohne Empfinden und Mitleid. Damasio "befürchtet, daß erhebliche Bereiche westlicher Gesellschaft allmählich zu weiteren tragischen Beispielen werden". (Das wurde 1994 geschrieben, vor Bosnien, dem Kosovo usw.) (kursiver Text: Zitat von Ernst Begemann)

Intuition kann auch als eine von zwei möglichen Arten der Informationsverarbeitung aufgefasst werden: das "explizite Denken" als analytischem Vorgang in unserem Bewusstsein und die "Mustererkennung", bei der die sogenannten Spiegelneurone eine besondere Rolle spielen. Bei der Mustererkennung wird das Ganze "mit einem Blick" in Sekundenbruchteilen erfasst. Eine explizite Analyse durch die bewussten Schichten des Gehirns findet dabei nicht statt. Die Summe dieser unbewusst ablaufenden "Nebenrollen" - um in dem oben gegebenen Beispiel zu bleiben - ist im Verhältnis zu den bewussten Vorgängen so bedeutsam, dass sie höchste Aufmerksamkeit verdienen.

Hirnforschung, Genetik und Spieltheorie sind aufblühende Forschungsbereiche, die sich zum Ziel gesetzt haben, mehr Licht in die schon seit der Antike bekannten Phänomene der Intuition zu bringen. Nicht zuletzt bildet das Interesse aus den Führungsetagen der Wirtschaft einen Antrieb zu neuen Interpretationen dieser altbekannten Reaktionsmuster, die mit dem "Bauchgefühl" in Entscheidungsprozessen zu tun haben. Hierbei sehen sich die auf das herrschende materialistische Weltbild festgelegten Forscher jedoch dem sogenannten "Bieri-Trilemma" ausgesetzt. Dahinter verbirgt sich folgendes philosophische Rätsel aus drei Sätzen:

1. Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.

2. Mentale Phänomene sind im Bereich physikalischer Phänomene kausal wirksam.

3. Der Bereich physikalischer Phänomene ist kausal geschlossen.

Eine genaue Betrachtung dieser Sätze ergibt, dass immer nur zwei dieser Sätze wahr sein können. Wenn z. B. nichtphysikalische Phänomene auf die physikalische Welt einwirken können, kann diese nicht kausal geschlossen sein usw.. (Es wäre aber noch zu klären, ob die eingesetzten Prämissen wahr sind - siehe Weltbild!) Dieses Trilemma soll verdeutlichen, wo die Schwierigkeiten für Naturwissenschaftler liegen, wenn sie sich trotz ihres geschlossenen Denkgebäudes die Freiheit erlauben, die Intuition ins Haus zu holen. Es ist paradoxerweise die aus dem Gebiet der Mathematik stammende Spieltheorie, die interessante Beispiele für pragmatische Ergebnisse der Intuition bereithält. Da ist zunächst die Entscheidungsstrategie "take the best" nach dem Bildungsforscher Prof. Gerd Gigerenzer Sie folgt der Maxime "Bauchgefühle sind das Produkt von einfachen Faustregeln. Diese Faustregeln sind uns meist gar nicht bewusst, und oft stützen sie sich auf einen einzigen Grund". Andererseits gibt es drei Gründe, die gegen das allgemein im Management propagierte Prinzip der bewussten Nutzenoptimierung sprechen: Erstens ist oft gar nicht klar, was denn eigentlich der Nutzen ist; zweitens macht sich das Leben schwer, wer Kosten und Nutzen stets genau berechnen will; drittens sind berechnete Entscheidungen häufig schlicht schlechter als intuitive.

Entlang dieser Kriterien lassen sich nach Gigerenzer zwei Menschentypen unterscheiden: Die Maximierer, die etwa beim Einkauf möglichst viele Angebote prüfen, und die Genügsamen, die sich mit dem ersten Produkt zufrieden geben, das ihren Ansprüchen genügt. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz hat herausgefunden, dass die Genügsamen wohl die glücklicheren Menschen sind , während extreme Maximierer zu Depressionen neigen.

"Take the best" empfiehlt nun eine Auswahl aus mehreren Kriterien, die einen Vergleich der Optionen möglich machen. Hierbei wird zunächst das aussagekräftigste Kriterium im Hinblick auf den Entscheidungsgegenstand gewählt. Ergibt sich hieraus kein signifikanter Unterschied in den Optionen, wird das nächste beste Kriterium verglichen usw.. Wie bei intuitivem Vorgehen so oft entscheidet man bei dieser Methode nach einem einzigen Grund. Dieses Entscheidungsverfahren erreichte nach Gigerenzers Angaben in einem Vergleichstest mit der "multiplen Regressionsanalyse" - einem computergestützten mehrstufigen Optimierungsverfahren - anhand von 20 Problemen aus Wirtschaft, Psychologie, Gesundheitswesen und Biologie 71 Prozent richtige Vorhersagen gegenüber 68 Prozent beim Computer-Modell.

Nach Gigerenz müssen gute Intuitionen Informationen ignorieren. Die Kunst der guten Vorhersage besteht darin, die entscheidenden Daten heranzuziehen und den großen Rest wegzulassen. Dieses gilt umso mehr, je unsicherer die Zukunft ist. Dagegen sind mehr Informationen hilfreich, wenn die Gegenwart gut erklärbar, die Regeln klar und die Zukunft vorhersagbar ist. In diesem Sinne sind astronomische Ereignisse meistens gut vorhersagbar weil gut errechenbar, Ergebnisse beim Roulettspiel aber das ideale Feld für die Intuition. (Nebenbei: Der Aktienmarkt gleicht weitgehend dem Roulettspiel und erfordert viel Intuition.)

Bei dem folgenden Beispiel aus der Spieltheorie handeln die Menschen konsequent dem zuwider, was die Theorie "rational" nennt. Sie erzielen aber gerade durch ihr irrationales Verhalten größere Gewinne (Ein bisschen hört sich das wie Börsenlatein an!). Doch nun konkret:

Zwei Personen wählen unabhängig voneinander einen Betrag zwischen 2 und 100. Die kleinere der beiden Zahlen wird an beide Spieler ausgeschüttet, jedoch bekommt der Spieler, der die kleinere Zahl genannt hat einen Bonus und der andere Spieler einen gleichgroßen Abschlag (Malus). Nach den allgemein anerkannten Vernunftregeln - also rational - müssten nach diesen Regeln beide Spieler zur kleinstmöglichen Zahl 2 kommen. Versuche mit lebenden Probanden zeigen jedoch, dass die meisten Menschen eine Zahl wählen, die wesentlich näher an 100 liegt, als es die Theorie vorhersagt und damit wesentlich besser dabei abschneiden. Der Grund für dieses abweichende Verhalten ist, dass die Theorie einen reinen Egoismus unterstellt, der sich ausschließlich am eigenen Vorteil gegenüber dem Mitspieler orientiert. So wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die zum Gleichgewicht nahe Null tendiert. Es kann so gezeigt werden, dass reiner Egoismus nicht immer die beste wirtschaftliche Strategie darstellt - nicht einmal für reine Egoisten.

Das wird auch durch ein anderes Experiment untermauert: Wer 100 Euro geschenkt bekommt unter der einzigen Bedingung, einem Mitspieler etwas davon abzugeben, wird genau 99,99 Euro behalten und nur einen Cent verschenken, sollte man meinen. Im Experiment jedoch geben die Versuchsteilnehmer im Durchschnitt 20 Euro ab - ökonomisch vernünftig gesehen unsinnig, unter dem Anspruch menschlicher Fairness jedoch verständlich.

In einer anderen Variante des Spiels kann der Mitspieler das Angebot des ersten Spielers ablehnen, wenn ihm sein Anteil zu gering eHartz IV oder Grundsicherung im Verhältnis zur Alimentierung von Wirtschaftführern geht!

Die dargestellten Spiele wurden vielfach bestätigt und lassen kaum an ihrer lebenspraktischen Bedeutung zweifeln. Allerdings führen sie zur Verunsicherung sozialdarwinistisch geprägter Wirtschaftstheoretiker, für die das Glück des Menschen allein von dessen Kaufkraft abhängt. Es mehren sich die Stimmen, die Konkurrenz und ständigen Wettkampf nicht als Maximen menschlicher Verhaltensweisen ansehen. Eine der kompetentesten und überzeugendsten Vertreter dieser Auffassung ist Prof. Joachim Bauer, Vertreter des Faches Psychoneuroimmunologie an der Universitätsklinik Freiburg. Ich zitiere aus einem Aufsatz, der in der Zeitschrift Publik-Forum erschien: "Vereinfacht lassen sich die Ergebnisse einer großen Zahl neurobiologischer Studien so zusammenfassen: Zuverlässige Beziehungen, die zugleich Spielraum für eigene Aktivitäten lassen, aktivieren Gene, welche der Gesundheit zuträglich sind. Ungewollte Isolation, Bedrohung und Gewalterfahrungen aktivieren Gene, welche die Entstehung von Krankheiten begünstigen. Zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen und Krankheitsrisiko stehen somit in engem Zusammenhang.

Wenn man die inzwischen sehr große Literatur der neueren neurobiologischen Forschung überblickt, ist man zunehmend beeindruckt von der Tatsache, welch immense biologische Auswirkungen von zwischenmenschlichen Beziehungen auf die Gesundheit inzwischen nachgewiesen sind: Das Risiko depressiver Erkrankungen, so zeigen Studien, vervielfacht sich, wenn Personen in der frühen Kindheit von Verlust oder Abwesenheit eines Elternteils oder beider Elternteile betroffen waren oder deren Liebe aus anderen Gründen in gravierender Weise vermissen mussten.

Untersuchungen aus allerjüngster Zeit - auch aus meiner eigenen Arbeitsgruppe - zeigen, dass Erfahrungen schwerer körperlicher Gewalt das Risiko erhöhen, später an chronischen Schmerzen zu erkranken. Der Grund: Auch Schmerzerfahrungen aktivieren bestimmte Gene, mit der Folge, dass Züchtigungs-, Schmerz- und andere Gewalterfahrungen in einem "Schmerzgedächtnis" gespeichert werden. Am fürchterlichsten ist, was sexueller Missbrauch anrichtet. Sexuelle Gewalt kann nicht nur schwerwiegende seelische Gesundheitsstörungen wie Angstkrankheiten, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Borderline-Störungen verursachen: Sexuelle Gewalt hat, wenn keine psychotherapeutische Hilfestellung gegeben wird, auch schwere neurobiologische Folgen bis hin zur körperlichen Schädigung bestimmter Hirnareale." Weiter berichtet Professor Bauer, seriöse Studien aus Deutschland und der Schweiz kämen zu dem Ergebnis, dass etwa 15 % der Mädchen und sechs bis sieben Prozent der Jungen sexuelle Missbrauchserfahrungen erleiden. Aus seiner Erfahrung sieht er die alte medizinische Erkenntnis bestätigt, wonach Beziehungen krank machen können, aber auch heilen können. Aus alledem ergibt sich, dass unter den genannten negativen Störeinflüssen auch keine "gesunde" Intuition aufkeimen kann.

Die derzeitige Situation in der Schulmedizin sieht Prof. Bauer stark durch die Rolle der modernen Genforschung beeinflusst, die immer wieder verkündet, alle Krankheitsrisiken seien letztlich eine Frage der unveränderlichen Erbanlagen. Damit würden aber gerade die erfolgversprechendsten ganzheitlich orientierten Therapieverfahren blockiert.

Zum Schluss möchte ich nochmals Friedrich Nietzsche zu Wort kommen lassen, indem er Intuition und Vernunft nebeneinander stellt, die erste voller Hohn über die Abstraktion der Vernunft und die letztere voller Angst vor der Intuition. "Während der von Begriffen und Abstraktionen geleitete Mensch durch diese (die Vernunft, W. B.) das Unglück nur abwehrt, ohne selbst aus den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen, während er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet, erntet der intuitive Mensch, inmitten einer Kultur stehend, bereits von seinen Intuitionen, außer der Abwehr des Übels, eine fortwährend einströmende Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er heftiger, wenn er leidet: ja er leidet auch öfter, weil er aus der Erfahrung nicht zu lernen versteht und immer wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal gefallen". Nach allem, was die neueren Erkenntnisse über die Intuition zu sagen haben besteht Hoffnung, dass dieses Vorurteil Nietzsches, welches er aus der klassischen Philosophie Griechenlands übernommen hat, nicht des Menschen Schicksal ist, sofern er sich nicht im Dickicht der Abstraktionen verlieren will.