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Metapher

Metaphern sind die Traumarbeit der Sprache. (Donald Davidson)

Metaphern sind allgegenwärtiger Bestandteil unserer Sprache - jeder Sprache. Bereits im Altertum führte der häufige Gebrauch von Metaphern zur theoretischen Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. So heißt es in dem Werk Poetik des Aristoteles: "Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie. … Analogie nenne ich es, wo das zweite sich zum ersten verhält wie das vierte zum dritten. Dann wird an Stelle des zweiten das vierte gesagt oder an Stelle des vierten das zweite. Und gelegentlich wird auch beigefügt, auf was es sich bezieht und wofür es gesetzt ist. So verhält sich etwa der Becher zu Dionysos wie der Schild zu Ares. Dann wird man den Becher 'Schild des Dionysos' nennen und den Schild 'Becher des Ares'. Oder wie das Alter sich zum Leben verhält, so verhält sich der Abend zum Tage. Man wird also den Abend 'Alter des Tages' nennen und das Alter 'Abend des Lebens' oder wie Empedokles 'Sonnenuntergang des Lebens'."

Der Stellenwert der Metapher innerhalb des Sprachgebrauchs wurde nach Auffassung einiger Philosophen und Linguisten von Aristoteles nicht sehr hoch angesetzt, da er sie der Rhetorik zugeordnet hat. Die Rhetorik war der "Tummelplatz" der ihm verhassten Sophisten: "Die Sophisten … sind … weit davon entfernt, (wirkliche) Lehrer zu sein. Denn man kann rundheraus sagen: sie wissen gar nicht, welche Art von Ding die Staatskunst ist, noch welcher Art ihre Gegenstände sind. Denn sonst könnten sie sie nicht mit der Rhetorik auf die gleiche Stufe oder noch tiefer stellen…" (Aristoteles: Nikomachische Ethik). Die Metapher wird nach dieser Auffassung vorzugsweise als schmückend und ornamental charakterisiert. Eine Metapher ist deswegen nicht notwendig. Sie ist nur schön. Nach Aristoteles ist sie ein Ausweis dichterischer Inspiration: "Denn dieses allein kann man nicht bei andern lernen, sondern ist das Zeichen von Begabung." Metaphorische Dichtung findet sich denn auch gehäuft in spezifischen Literaturgattungen wie der Lyrik oder in religiösen Texten. Die christliche Bibel bietet einen reichhaltigen Fundus an Beispielen: "Schwerter zu Pflugscharen" war das Motto der gesamtdeutschen Friedensbewegung in den 1980er Jahren, der "Tanz um das goldene Kalb" bezeichnet nicht das Einkaufserlebnis im Shopping-Center sondern findet sich im Buch Exodus und seine "Hände in Unschuld waschen" ist die häufig gebrauchte Metapher für doppelbödige Moral, wie sie schon der römische Statthalter Pontius Pilatus laut biblischer Überlieferung praktizierte.

Wenn wir uns in einer Rückschau dem Ursprung des Menschseins nähern, bietet die Metapher eine Möglichkeit, den Evolutionssprung vom tierischen Bewusstsein zum menschlichen Bewusstsein, wenn auch nicht zu erklären, so doch anzudeuten. Auf eine solche Gedankenreise nimmt uns Lewis Mumford mit, dem ich in dieser Richtung folgen möchte. Mumford geht von der Tatsache aus, dass es vor der Schöpfung von Symbolen und Versuchen, den Dingen eine Bedeutung zu geben eine Semantik gab, die in der Repräsentanz der Dinge und Personen selber lag - wie Mumford es nennt: die "Semantik der konkreten Existenz". Die darin liegenden Formen und Laute ergeben eine "Symbolik der Dinge", die "tiefe Spuren in der Sprache hinterlassen (hat), von denen nur eine speziell konstruierte Sprache wie die der Mathematik sich freimachen konnte; denn die "Symbolik der Dinge" ist im wesentlichen die Sprache der Mythen, der Metaphern, der bildenden Kunst und schließlich der alten Hieroglyphenschrift. Wie verfeinert auch die höchsten Abstraktionen des Malers oder Bildhauers sein mögen, immer schöpfte die Kunst aus der Symbolik des Konkreten."

Symbolfiguren sind in erster Linie lebende Figuren. Ein König wird durch einen Stier dargestellt, weil der Stier physische Kraft, sexuelle Potenz und Dominanz verkörpert. Diese Methode der Darstellung stützt sich sogar zum Teil auf Abstraktionen, wie eine Untersuchung von Backhouse aus dem Jahre 1843 zeigt, die Sollas in "Ancient Hunters" zitiert: "Eines Tages beobachteten wir eine Frau, die Steine aneinanderfügte; sie waren flach, oval, etwa fünf Zentimeter lang, mit roten und blauen Linien in verschiedenen Richtungen markiert. Sie stellten, wie wir erfuhren, abwesende Freunde dar, und ein Stein, größer als die anderen, repräsentierte eine dicke Frau auf Flinders Island".

Ausgehend von den Beobachtungen der Anthropologie und Ethnologie sieht Mumford für die weitere Entwicklung, die zur Ausformung konkreter Wörter führte, einen großen Einfluss in den Träumen der Frühzeit. In diesem Stadium der menschlichen Entwicklung, wo dem Menschen noch keine Bewältigungsstrategien gegen die Anfechtungen ihres Unterbewusstseins wie es in wilden Träumen auftauchte zur Verfügung standen, bildeten sich neue Bewusstseinsinhalte aus, die für die psychische Entwicklung von entscheidender Bedeutung gewesen sein können. Mumford zitiert den amerikanischen Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der über seine eigenen Traumerfahrungen in einer Tagebucheintragung schreibt: "Wir wissen weit mehr, als wir verarbeiten können … Ich schreibe das jetzt in der Erinnerung an einige strukturelle Erfahrungen der letzten Nacht - ein schmerzliches Erwachen aus Träumen, wie durch Gewalt, und eine rasche Folge von quasi-optischen Erscheinungen, die wie ein Feuerwerk architektonischer oder grotesker Schnörkel aufeinander folgten und die auf große Reserven von Begabungen und Wünschen in unserer Struktur hindeuten." Die heutigen Erkenntnisse über den Chemismus des Gehirns und das Vorkommen psychogener und haluzinogener Substanzen (z. B. DMT-haltige Pflanzen) in der Natur lässt es wahrscheinlich erscheinen, dass sich durch den Hirnstoffwechsel selber wie auch durch unabsichtliche oder absichtliche Einnahme dieser Drogen vielfältige Traumzustände einstellten. Nach Mumford entstand aus den Traumerfahrungen ein Bewusstsein, dass den Menschen von seiner Umwelt als selbständigem Wesen löste und über die Tierwelt stellte. Gleichzeitig entwickelten sich archetypische Ahnenvorstellungen wie auch der Umgang mit Gespenstern, Dämonen, Geistern und Göttern (siehe hierzu auch die Theorie von John Marco Allegro). Entwicklungspsychologische Beobachtungen an Kleinkindern, die noch nicht sprechen können, bestätigen sowohl die niedrigsten und irrationalsten wie auch die höchsten und wertvollsten Regungen der Kinderpsyche, die als Analogon zu der Entwicklungsphase des frühzeitlichen Menschen gesehen werden können.

Die Entwicklung führte dann über die Herausbildung gemeinschaftlicher Rituale, die dem Abbau von Schuldgefühlen aus "kriminellen" Träumen gedient haben mögen, und sich schließlich über Jahrtausende zu Ordnung stiftenden Veranstaltungen verselbständigt haben, zum Tabu als erster moralischer Entwicklungsstufe. So entstand nach Mumford die erste Sprache in Form des Rituals und der erste Schritt zur moralischen Disziplin durch das Tabu. In dem das Tabu jahrtausendelang respektiert wurde, obwohl es häufig rationalem Denken widersprach und für das Individuum keine ersichtlichen Vorteile brachte, zahlten die Menschen diesen Freiheitsverlust als Preis für den Erhalt einer sozialen Ordnung. Es wurde so zum frühesten "kategorischen Imperativ". Wie das Tabu funktionierte, mag folgende Fallschilderung illustrieren: Im Stamm der australischen Eualayi wird dem Kind, sobald es krabbeln kann, von der Mutter mit einem halb gar gekochten Tausendfüßler auf die Hände geklopft , wobei sie dazu singt:

Sei gut,
Stiehl nicht,
Berühre nicht, was einem anderen gehört,
Lass all das sein,
Sei gut.

So übt die Mutter Autorität aus, die sie mit einem giftigen Tier verbindet und damit symbolisch eine Strafe androht.

Von einer menschlichen Kultur kann aber erst ab dem Zeitpunkt gesprochen werden, wo es dem Menschen gelang, mit Hilfe von Wörtern zu kommunizieren. Die Fähigkeit zu Wortbildungen ist u. a. von anatomischen Gegebenheiten abhängig und kann etwa auf den Zeitraum zwischen 200 000 bis 100 000 v. Chr. datiert werden. In dieser Zeit war das Gehirn der Menschen soweit vergrößert, das sowohl die anatomischen wie auch die intellektuellen Voraussetzungen zur Wortbildung vorhanden gewesen sein dürften. Über die zur Wortschöpfung maßgeblichen Ursachen besteht unter Anthropologen, Biologen und Linguisten keine einheitliche Meinung. Die gängigsten Erklärungsversuche führen kooperative Jagdtechniken und / oder die Herstellung von Werkzeugen als äußere Umstände an, die den notwendigen Druck zur Entwicklung neuer Kulturtechniken erzeugten. Hierzu vertritt Lewis Mumford die Meinung, dass zur Handhabung und Weitergabe dieser Techniken lediglich ein befehlsartiges Vokabular erforderlich war und somit noch nicht von einer Kommunikation gesprochen werden könne - "der Inhalt eines Wörterbuchs macht noch keine Sprache". Eine größere Bedeutung als der Jagd könne dann schon den Sammlern zukommen, die mit Hilfe von Wörtern verschiedene Pflanzen und Früchte bezeichnen lernten und damit eine Identifizierung durch Benennung ermöglichten.

Wie kann es zum Durchbruch gekommen sein, dem Gebrauch der Wörter als aufeinander bezogene logische Verkettungen, die einen von der kulturellen Gemeinschaft verstandenen Sinn ergeben? Eine mögliche Erklärung gibt Mumford mit der von Edward Tylor berichteten Krankengeschichte der Laura Bridgman an, "die, da sie sowohl blind als auch taubstumm war, Worte nicht einmal durch Beobachtung der Mundbewegungen nachahmen konnte. Doch vermochte sie Laute zu stammeln, wie etwa ‚Hu-u-f-f' für Erstaunen und eine Art Kichern oder Grunzen als Zeichen der Befriedigung. Wenn sie nicht berührt werden wollte, pflegte sie ‚F!' zu sagen. Ihre Lehrer versuchten, sie an der Bildung unartikulierter Laute zu hindern, aber sie empfand den starken Wunsch, sie von sich zu geben, und pflegte sich manchmal einzuschließen, um ‚sich an einer Überfülle von Lauten zu erfreuen'". In diesem Zusammenhang ist daran zu denken, dass - abhängig von der Art des Hörverlustes - durch Knochenleitung Hörwahrnehmungen erfolgen und z. B. bei der meditativen Aussprache eines Mantras angenehme Vibrationen auf Lippen und im Bauchraum entstehen. Es kann also von einem inneren Drang (und vielleicht auch einer verstärkenden Erfahrung durch meditative Praktiken) zum Sprechen ausgegangen werden, der unabhängig von äußeren Einflüssen zur Verwirklichung des Sprechens führt, sobald die anatomischen und hirnorganischen Voraussetzungen erfüllt sind. Wahrscheinlich waren deshalb die phonetischen Resultate bereits lange im Gebrauch, bevor sie in das Bewusstsein eindrangen. Welche Konsequenzen dieser Durchbruch entwicklungsgeschichtlich hatte, gebe ich am Besten mit den Worten Lewis Mumfords selbst wieder: "Dass abstrakte Laute wirkliche Menschen, konkrete Orte und Gegenstände ins Bewusstsein rufen konnten, war die fundamentale magische Eigenschaft der Sprache; aber eine noch stärkere Magie lag darin, dass die gleichen oder ähnliche Laute , anders organisiert, vergangene Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen oder ganz neue Erfahrungen zu projizieren vermochten. Dies war der Übergang von den geschlossenen Codes der Tierwelt zu den offenen Sprachen der Menschen - ein Übergang voll unendlichen Möglichkeiten, die endlich den unermesslichen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns entsprachen."

Es sind demnach zwei Entwicklungsphasen des Sprechens wahrscheinlich, erstens die Entwicklung einer autistisch anmutenden Bezeichnungssprache, die wahrscheinlich mit den praktizierten Riten verbunden war und durch die Begriffe Metapher und Mythos gekennzeichnet werden kann. Die daran anknüpfende zweite Phase, in der sich das herausbildete, was wir heute als Sprache verstehen, zeigte eine vielfältig strukturierte Welt mit definierten Bedeutungen und bewussten Zwecken. Die von Lewis Mumford konstruierten Zusammenhänge und Folgerungen werden durch die bisherigen Erkenntnisse der Genomanalyse und der Neurobiologie gestützt.

Die nahe Verwandtschaft der Metapher mit den frühen Stadien der kulturellen Entwicklung des Menschen und die Furcht vor einem Rückfall in dieses Stadium können eine Erklärung für die geringe Wertschätzung der Metapher - die bis in die Gegenwart anhält - bieten. Einer der bedeutendsten Philosophen der modernen Theorie der Metapher, Max Black schrieb dazu: "Auf die Metaphern eines Philosophen aufmerksam machen, heißt ihn herabsetzen - als rühmte man einen Logiker wegen seiner schönen Handschrift. Der Hang zur Metapher gilt als verderblich nach der Maxime, worüber sich nur metaphorisch reden lasse, solle man am besten überhaupt nicht reden. ("Die Metapher", S. 55, zitiert nach Aniel K. Jain: "Medien der Anschauung", S. 31)

Als erstes war also das Wort, an das sich nach und nach in einem sehr langen Prozess die Sinngebungen anlagerten. Doch damit war die Entwicklung des Sprachvermögens keinesfalls abgeschlossen.

Sprachen unterliegen einem Bedeutungswandel, der verschiedene Ursachen haben kann. Es können - in einem vorläufig letzten Abschnitt der Evolution (einer abstrakten Ebene des Denkens) - drei Gruppen des Bedeutungswandels unterschieden werden: Die Metapher ist Bedeutungswandel, der auf Ähnlichkeit beruht, die Metonymie ist Bedeutungswandel, der auf Berührung beruht und die Synekdoche ist Bedeutungswandel, der auf einer Teil-Ganzes-Beziehung beruht. Damit ist ein rational greifbares Feld abgesteckt, auf dem sich sowohl Philosophie und Psychologie, die Rhetorik und nicht zuletzt die Theologie bemühen, Erkenntnisgewinne zu erzielen. Diese prinzipielle Bedeutung der Metapher für Wissenschaft und Sprache hat der Philosoph Ivor A. Richards in folgendem Zitat zum Ausdruck gebracht: "Dass die Metapher das allgegenwärtige Prinzip der Sprache ist, kann anhand bloßer Beobachtung nachgewiesen werden […] Selbst in der strengen Sprache der Wissenschaften kann man sie nur mit großen Schwierigkeiten ausschalten oder umgehen […] Vor allem in der Philosophie ist jeder Schritt riskant, wenn wir uns nicht ständig der von uns […] verwendeten Metaphern bewusst sind; wir können zwar behaupten, Metaphern zu meiden, doch wird uns das nur gelingen, wenn wir sie zuvor entdeckt haben […] Die Metaphern, die wir meiden, steuern unser Denken ebenso sehr wie jene, die wir akzeptieren." (Die Metapher, S. 33). Es erscheint mir deshalb sinnvoll, gar nicht erst den Versuch zu unternehmen, die Bilder aus unserer Sprache zu verbannen, sondern einen bewussten und produktiven Umgang damit zu pflegen.

In ihrer traumhaften Herkunft der Metapher liegt ihre - psychologisch betrachtet - Beziehung zum Unbewussten begründet. Träume wie Metaphern beinhalten versteckte Bedeutungen, die assoziative Deutungen zulassen. Hierin liegt ihr Wert, verschüttetes Wissen hervorzuholen, wie auch die Gefahr der Fehldeutung. Die in der Psychoanalyse praktizierte Übertragung kann als Synonym für die Metapher aufgefasst werden und in umgekehrter Richtung kann der Metapher mit der Theorie der psychoanalytischen Übertragung ein theoretisches Gerüst verschafft werden. Eine solche Handhabung der Metapher wird von Anil K. Jain vorgeschlagen und am Beispiel der Metapher der "Sozialen Landschaften" erläutert. Die Funktion der Metapher wird dabei in einem Bedeutungsprozess aus zwei aufeinander folgenden Schritten entwickelt: 1. die mataphorischen Ver-Dichtungen und 2. die hermeneutische Überschreitung und die theoretische Rückübertragung.

Im ersten Schritt wird davon ausgegangen, dass es sich bei dem Austausch der Begriffe in der Metapher nicht um eine bloße Ersetzung handelt und somit eine einfache Verdopplung des Sinns entsteht, "sondern dass durch das Tauschspiel der Metapher eine Differenz eröffnet wird, ein (interpretativer) Zwischenraum entsteht, der sich gerade aus der sinnverschiebenden Verknüpfung des ersetzten und des ersetzenden Bedeutungsträgers ergibt" (Jain: "Medien der Anschauung") Die für den Prozess entscheidende Bedeutung liegt nach Jain jedoch in der gleichzeitig stattfindenden Verdichtung, wie sie von Freud und Jung unterschiedlich für den Traum als individueller Bedeutungsträger bzw. archetypisches Bild beschrieben worden ist. Sowohl die Traumdeutung nach Freud als auch die Traumdeutung nach Jung erbringt jedoch nur ein subjektives Resultat. "Die Verschiebung, die in der Metapher stattfindet, eröffnet den Raum der Interpretation, indem sie ein Wörtlich-Nehmen unmöglich macht, verweist auf die Differenz von Signifikant und Signifikat. Doch erst die Verdichtung bewirkt, dass dieser Differenz-Raum deutend beschritten wird." Diese Verdichtung ist - im Unterschied zum Traum - nicht "zwingend", sondern "vom individuellen Lebens- und Deutungshintergrund, vom (sozialen) Kontext und Wissen, aber auch von der emotionalen des deutenden Subjekts" abhängig. Kommunikation durch Metaphern setzt deshalb einen Konsens darüber voraus, dass die Möglichkeit einer rationalen Deutungssicherheit nicht besteht und dass an ihre als Fiktion gesetzte Stelle die Deutungsvielfalt tritt. So entstehen metaphorische Imaginationen der Wirklichkeit, bildhafte Erkenntnisse, die durch geistige Einflussnahme verändert werden können.

In einem zweiten Schritt erfolgt die hermeneutische Überschreitung der im ersten Schritt bildhaft verdichteten Wirklichkeit. Dieser Schritt ist nach Jain erforderlich, um eine Verstrickung in der "virulenten Dialektik der Metapher, dem Schwanken zwischen bildlicher Festschreibung und imaginativer Differenz" zu vermeiden. Die selbst erzeugten und auch die fremden Bilder müssen ständig hinterfragt werden, damit abweichende Deutungsmöglichkeiten bewusst werden und das zu Grunde liegende heuristische Verfahren verändert wird. Jain zitiert hierzu den englischen Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache…" Ziel muss es deshalb sein, eine Sprache zu finden, "die uns das Denken als solches entzieht und bis zur Unmöglichkeit der Sprache selbst vorstößt, bis zu jener Grenze, wo das Sein der Sprache in Frage gestellt wird". Jain sieht in der Metapher das geeignete Mittel dazu. Durch die metaphorische Verschiebung/Übertragung erfolge ein Zwang zur Deutung. Sie bewirke eine permanente Positionierung des Betrachters gegenüber dem bildlich-sinnfremden Gegenstand. Die Metapher bringe den Betrachter an die Grenze des Verstehens und bewirke im Bemühen um sinnvolle Interpretationen eine Ausweitung dieser Grenze. So würden dem Deutenden eventuell auch die, für die Erkenntnis so zentralen, eigenen Latenzen bewusst und ein zuvor verdeckter Sinn werde hervorgekehrt.

Den Ausgangspunkt der reflexiv-hermeneutischen Bewegung der metaphorischen Theorie und Heuristik nach Jain bildet die initiale Metapher, "…ein spontan assoziiertes Bild, das zur Veranschaulichung des Gegenstands geeignet erscheint und durch seine Sinnlichkeit unmittelbare Ansprache erzeugt. Von dieser initialen Metapher aus lässt man sich treiben, man verfeinert und verdichtet die metaphorische Vorstellung, fügt Details und neue Assoziationen hinzu und versieht so den theoretischen Gedanken mit dem bedeutungsvollen Gewicht des Konkreten. Die semantische Dichte nimmt durch diese verdichtende Imaginationsarbeit zu, neue (ambivalente) Bedeutungsebenen entstehen in der assoziativen Verkettung der Bilder und ihrer vorgestellten Bedeutungen, die wiederum bewirken, dass der Interpretationsraum vergrößert wird, und die ebenso dafür sorgen, dass - durch konkretisierende Momente - die Anschaulichkeit des Bildes zunimmt."

Damit nun die erhofften überschreitenden Anschauungen eintreten, die notwendig jenseits dessen liegen, was der ursprünglichen Vorstellung entspricht, müssen die durch den Verdichtungsprozess erhaltenen Bilder reflektiert und in einem hermeneutischen Zirkel auf den Ausgangsgedanken zurückgespiegelt werden. Die Metapher erfüllt so "faktisch die Funktion eines anschaulichen, explorativ-induktiven Gedankenexperiments."

Die vorstehend referierte Metapherntheorie von Anil K. Jain steht im Zusammenhang mit einer Neubelebung und Fruchtbarmachung der Metapher durch andere Autoren, die sich auch in zahlreichen Internetquellen (z. B. "Von der Notwendigkeit der Metapher" ausdrücken. Zum Schluss noch ein Tip: Praxisbeispiele und Anregungen für eigene Versuche finden sich zu Metaphern mit dem Bezug "Stadt"; (link) !