Die Entwicklungsspirale
Der Humpty-Dumpty-Effekt
Mit dem Begriff "Entwicklungsspirale" ist die von den Autoren Don Beck und Christopher Cowan so genannte Management-Methode "Spiral Dynamics" gemeint. Es handelt sich dabei um ein Konzept des Wertewandels in unserer komplexen Welt des schnellen Lebens, der raschen Abfolge von Aufbau und Zerstörung, der Schwindel erregenden Wechsel von Erfolgen und Niederlagen auf allen Ebenen und in allen Zusammenhängen. Informationen über die unterschiedlichsten Kulturen und ihrer Probleme dringen in rasantem Tempo bis in die entlegendsten Winkel der Erde und versuchsweise auch bis in den Weltraum vor. Die Erde im Informationszeitalter ist zum „Globalen Dorf“ geschrumpft.
Die fiebrigen und komplexen Zeiten, in denen wir uns befinden, strapazieren unsere Fähigkeit, uns selbst und unsere Angelegenheiten zu regeln. Immer neue Dienstleistungen werden erfunden, um uns das Gefühl zu geben, wir könnten unsere Sorgen auf andere gegen Geld übertragen. Und dennoch scheint unser Heimatplanet Erde unter der Last seiner Geschöpfe außer Kontrolle zu geraten und in größtem Aufruhr zu sein.
Spiral Dynamics wurde von den Autoren Don Beck und Christopher Cowan als Management-Methode aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ihres Mentors Clare Graves für den Wandel und auch für solche turbulenten Zeiten entwickelt. Die Methode ist sowohl im wirtschaftlichen wie im politischen Kontext praktisch erprobt. Beck und Cowan nennen die gegenwärtige Situation den „Humpty-Dumpty-Effekt“. In einem englischen Kinderreim wird der fette, frohe Humpty Dumpty besungen (frei übersetzt):
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„Humpty Dumpty auf der hohen Mauer, fiel herunter und zerbarst – welch eine Trauer. Des Königs zahlreichen Pferden und all seinen eifrigen Leuten misslang die Rettung, Humpty starb in Scherben.“ |
Kein Kleber der Welt kann Humpty Dumpty wieder zusammenleimen. Aller Sachverstand reicht nicht aus, dem König Folge zu leisten. Die Entropie siegt. Gegenwärtig sind viele Anzeichen für solch eine Humpty-Dumpty-Lage zu sehen: Kataloge mit schnellen Lösungen kursieren in den Führungsetagen des politischen und wirtschaftlichen Systems, Schulungskonzepte je nach Trend und „fliegende Händler“ bieten sich an. Auseinandersetzungen über widerstreitende „Wahrheiten“ zwingen dazu, eindeutige Abgrenzungen der eigenen Moral zum Schutz des eigenen Territoriums vorzunehmen. Eine Mentalität des „jeder ist sich selbst der Nächste“ breitet sich aus und schließlich steht die Welt auf dem Kopf.
Sehen wir uns Herrn Dumpty an, wie er gut genährt und fröhlich auf der Mauer sitzt. Sollte man solch einen Menschen aus seiner Wohlgefälligkeit herausreißen, ihn über die Gefahren jenseits seines eigenen Horizonts aufklären, ihn durch schlechte Nachrichten beunruhigen, etwa deswegen bei ihm in Ungnade fallen oder vielleicht seinen Sturz verhindern, wo es doch zum eigenen Vorteil sein könnte? Herr Dumpty wird die Gründe seines Sturzes nie erfahren.
Der Erfolg der westlichen Industrienationen und der aufstrebenden Schwellenländer hat uns Teilnehmer an dem westlichen Glückssystem ähnlich überwältigt wie Humpty Dumpty seinem Leibesumfang zum Opfer gefallen ist.
Humpty Dumpty ist jedoch keine Metapher für unser westliches Wirtschafts- und Politiksystem. Humpty Dumpty starb und niemand konnte ihn wieder erwecken. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein metaphysisches Ereignis. Unser politisches und wirtschaftliches Denken ist jedoch von einem Zyklusdenken durchdrungen, welches auf eine bestimmte Anzahl fetter Jahre eine ebenso bemessene Anzahl magerer Jahre folgen lässt, worauf aber wie selbstverständlich wieder fette Jahre folgen. Ein Patent auf diese Wohlstandsmaschine könnte jedoch in Deutschland wohl nie erteilt werden, da dieses System einem Perpetuum Mobile gleichen würde – die Patentierung derartiger Erfindungen ist jedoch nach deutschem Patentrecht noch niemandem gelungen!
Die dynamische Wertespirale – ein Modell für alles
Spiral Dynamics ist ein Beschreibungs- und Entwicklungsmodell, das keinem Zyklus unterliegt, sondern dem Pfeil der Evolution folgt – vom Einfachen zum Komplexen. Evolutionäre Veränderungen verhindern eine Planung anhand von Trends, da sie neue Dimensionen einführen, die in den Trends nicht enthalten sind. So gesehen ist der Humpty-Dumpty-Effekt wesentlich für das kommende Neue.
Die Entwicklung des Menschen ist eine Erfolgsgeschichte der Evolution, die von den fundamentalsten Forderungen des Lebens – dem Kampf um das Überleben - bis hin zum Glück verheißenden Materialismus und in Ansätzen darüber hinaus in neue spirituelle Welten führt. Jede neu auftauchende Ebene bedeutet einen Bewusstseinssprung – neue Zeiten bringen neues Denken. Jedes mal fordert die Geschichte dem Menschen eine Revision ab, die zu einer Neubestimmung der Prioritäten und Werte führt. Die gegenwärtige Situation der Menschheit und der ihr anvertrauten Erde scheint jedoch vor einem besonderen Schritt nach vorn zu stehen. Der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik drückte dies anlässlich der Verleihung des Freiheitsordens von Philadelphia mit folgenden Worten aus: „Gute Gründe sprechen dafür, dass die Moderne zu Ende gegangen ist. Viel weist darauf hin, dass wir durch eine Übergangszeit gehen, in der anscheinend etwas verschwindet und etwas anderes unter Schmerzen geboren wird. Es ist, als würde etwas zerbröckeln, vergehen und sich erschöpfen, während etwas anderes, noch Unbestimmtes, aus dem Schutt hervorginge.“
Die Methode der dynamischen Spirale erhebt den Anspruch, ein Instrument zur Orientierung innerhalb der evolutionären Entwicklungsspirale zu sein. Sie ist auf alle menschlichen Äußerungen anwendbar, egal ob es Individuen, Unternehmen, Staaten, Gesellschaften oder Schichten betrifft. Die Menschheit wird hierbei als eine gewundene Kette von Wertsystemen, Weltsichten und Denkweisen aufgefasst, von denen jede das Produkt ihrer Zeit und ihrer Bedingungen ist. Jedes Glied dieser Kette stellt ein Mem dar. Der Begriff „Meme“ bezeichnet den Ursprung menschlichen Verhaltens. Sie bilden das psychologische Gegenstück zu der biochemischen DNA. Ihre Entstehung wird durch die Erfahrungen des Menschen und die Reaktion des Nervensystems auf diese Erfahrungen verursacht. Ein Mem umfasst z. B. Verhaltensanweisungen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, soziale Gebilde und mit Werten aufgeladene Symbole, die soziale Systeme zusammenleimen. Meme treten in vielerlei Gestalten auf: Kleidermoden, sprachliche Trends, Outfits der Popkultur, architektonische Gestaltelemente, Kunstrichtungen, religiöse Strömungen, soziale Bewegungen, Wirtschaftsmodelle, moralische Richtlinien für die richtige Lebensweise usw.. Alle diese Meme unterliegen Organisationsprinzipien, die wie Attraktoren wirken und die Meme miteinander verbinden. Diese Organisationsprinzipien sind es, die „Spiral Dynamics“ ausmachen. Sie wurden von Don Beck und Christopher Cowan „Wertememe“ oder WMeme genannt. Wertememe legen z. B. das Tempo und den Prozess fest, in dem Glaubensüberzeugungen angenommen werden, sie strukturieren das Denken, die Wertesysteme, die politische Form und die Weltsichten ganzer Zivilisationen. In Unternehmen sind sie der Schlüsselfaktor wenn es darum geht, wie und warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden. Auf der persönlichen Ebene wie auf der kollektiven Ebene bilden die Wertememe ein Set, welches die Persönlichkeit und ihre Beziehungen zur Umwelt bzw. das Erscheinungsbild des Kollektivs bestimmt. Die Persönlichkeit eines Menschen oder des Kollektivs setzt sich in der Regel aus mehreren Wertememen zusammen. Je nach Zusammenstellung kann dies zu harmonischen oder konfliktgeladenen inneren Zuständen führen.
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Abb. links: vereinfachte Darstellung der Wertememe in der Entwicklungsspirale |
Spiral Dynamics - integral
Wertememe existieren in allen vier Quadranten der integralen Theorie. Sie werden nach Beck und Cowan in sechs Wertememe erster Ordnung und zwei Wertememe zweiter Ordnung unterschieden. Die Skalen sind in einem Farbschema von Beige über Purpur, über Rot, über Blau, über Orange bis Grün in der ersten Ordnung und von Gelb bis Türkis als vorläufigem Abschluss in der zweiten Ordnung geordnet. Die Wertememe besitzen fünf wesentliche Eigenschaften:
1. Sie bringen systembildende Intelligenzen zum Ausdruck, die das menschliche Verhalten bestimmen. Wie Parasiten besetzen sie einen Wirtskörper und verändern dessen neuronale Ausrüstung entsprechend ihrer eigenen Denkweise. Dabei kann die Ausrichtung des Wertemems räuberisch expansiv oder passiv kooperativ sein. Gleichzeitig besitzt es Antikörper um Angriffe konkurrierender Wertememe abzuwehren. Auf Grund dieser Fähigkeiten können Wertememe nicht aus der Betrachtung dessen was ist, sondern nur in der Ergründung dessen warum etwas geschieht erkannt werden.
2. Wertememe beeinflussen alle Lebensentscheidungen. Dabei verhalten sie sich egoistisch, in dem sie sich an diejenigen Ideen, Menschen, Objekte und Institutionen heften, die ihnen die Möglichkeit bieten, sich zu vermehren und ihre zentralen Botschaften auszusenden.
3. Wertememe bringen sowohl gesunde (verbessernde) als auch ungesunde (verschlechternde) Eigenschaften hervor. Sie selbst unterliegen keiner Wertung. Dasselbe Wertemem, welches uns in einem Fantasie-Film von Walt Disney begegnet kann den Tod einer Sekte in blindem Aberglauben herbeiführen, wie es zum Beispiel 1978 durch den gemeinsamen Selbstmord der Sektenmitglieder der People’s-Temple-Sekte in Guyana geschehen ist. Hier sind die Triebkräfte zu finden, die Heilige Kriege und ethnischen Terrorismus entfesseln. Oft handelt es sich um Entwicklungen, wo übermäßig gewordene Wertememe von angemessenem Einfluss auf die Entwicklungen in Bösartigkeit umschlagen oder repressiv und bevormundend werden.
4. Wertememe sind Denkstrukturen. Sie bestimmen, wie Menschen denken oder entscheiden, und nicht, was sie glauben oder schätzen. So können zwei gegeneinander kämpfende Gruppen, seien sie religiös, politisch oder sozial bestimmt, gegeneinander kämpfen und doch unter dem Einfluss des gleichen Wertemems stehen.
Konflikte zwischen verschiedenen Wertememen treten auf, wenn sie sich auf begrenztem Raum physisch oder konzeptuell überschneiden und dieselben Menschen zu beeinflussen suchen. So konkurrieren etwa in dem 1943 uraufgeführten Musical „Oklahoma“ die Farmer (Bauern = BLAU/rot-WMem) mit den Ranchern (Viehzüchtern = ORANGE/blau-WMem) um die Vorherrschaft in ihrem Territorium.
5. Wertememe können sich mit veränderten Lebensbedingungen verstärken oder abschwächen. Sie können daher auch ungünstige Zeiten in einem Zustand herabgesetzter Intensität überdauern und mit anderen Wertememen Kooperationen eingehen.
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Die Wertememe als Prozessbeteiligte
Das Modell der spiralförmig agierenden Wertememe wurde von Ihrem Entdecker, dem amerikanischen Psychologen Clare Graves, „emergentes zyklisches Doppelhelix-Modell erwachsener biopsychosozialer Systementwicklung“ genannt. Ob es an dieser sperrigen Bezeichnung lag oder aber daran, dass die Umstände zu ungünstig für die Annahme dieses Modells waren, es dauerte 10 Jahre nach Graves Tod 1986 bis seine Theorie sich zu verbreiten begann. Großen Anteil daran haben seine Schüler Don Beck und Christopher Cowan, die einen eingängigeren Namen für das Modell fanden und die das Modell auf die wesentlichen Bestandteile reduzierten: „Jedes Wertemem entwickelt seine eigenen Ansichten hinsichtlich der Regeln, die soziale Systeme steuern sollten, hinsichtlich der Fragen, wer was entscheiden sollte, welche Kräfte die evolutionäre Welle antreiben und warum unterschiedliche Menschen zur gleichen Zeit durch unterschiedliche Entwicklungsstadien gehen.“ Die Bezeichnung der Wertememe erfolgte in Farbcodes, wobei die Farben keinen Bezug zu den Charakteristika der jeweiligen WMeme haben.
WMeme sind durch sieben Prinzipien bestimmt:
1. Neue Wertememe können durch menschliches Agieren geschaffen werden. Anders wie ihre biologischen Entsprechungen, die Gene, können Wertememe zielgenaue evolutionäre Sprünge nach vorne machen. Sie verhalten sich wie offene Systeme und unterliegen drei entscheidenden Bedingungen: einer genetisch bedingten Fähigkeit zur Entwicklung neuer Systeme, die der Mediziner Erich Harth mit den unsichtbaren Bildern eines nicht entwickelten Films vergleicht; der Abhängigkeit menschlichen Bewusstseins von der Beziehung zur Umwelt wie es sich in fortgeschrittener Form durch Sprache und Symbole zeigt; der Fähigkeit des menschlichen Gehirns, mehrere Subsysteme gleichzeitig zu beherbergen und diese jeweils separat zu steuern, wie es z. B. in extremer Form bei multiplen Persönlichkeitsstörungen erkennbar wird („Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“).
2. Wertememe entstehen, verblassen oder wachsen als Reaktion auf sich verändernde Lebensbedingungen. Sie unterliegen damit so grundlegenden Aspekten des Lebens wie Zeit, Ort, Problemen und Umständen. Menschen leben zur gleichen Zeit in unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Zeitabschnitten. Auch die Orte, an denen sich Menschen aufhalten, haben verschiedene Einflüsse auf die Menschen. Es gibt Orte, an denen man sich wohl fühlte, die man aber auf Grund eingetretener Veränderungen verlässt oder an denen der Mensch sich nicht mehr wohl fühlt. Harmonie oder Disharmonie mit der Umgebung prägen das Denken. Wesentliche Einflüsse auf die Bildung von Wertememen gehen auch von den Überlebensfragen der Menschen aus. Hierzu gehören die Versorgung mit Nahrung und Wasser, die Sicherheit vor Angriffen auf das Leben durch Krankheiten oder feindlich gesinnte Menschen, im kollektiven Gedächtnis eingeschriebene ungelöste Fragen der Existenz oder Probleme auf kultureller und sprachlicher Ebene. Im sozialen Bereich kommt es z. B. auf die Verteilung der sozialen Rollen und die Verteilung der Güter, den Bildungsstand und die Bildungschancen, die politischen Systeme, die genetische Abstammung, die familiäre Tradition, das Geschlecht oder das Alter an.
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Abb. links: "Zwiebelschalenmuster" einer Person, die vom orangen Wertemem geprägt ist. |
Jedes Wertemem bringt eigene Probleme und gesellschaftliche Bedingungen ins Spiel, die es anzupacken oder zu akzeptieren gilt. Ballen sich die Probleme zu einem explosiven Gemisch oder werden kulturelle Grenzen z. B. zwischen ethnischen Mehrheiten und Minderheiten nicht mehr akzeptiert, kommt es zu Brennpunkten, wie sie täglich von den Massenmedien berichtet werden.
3. Sozialwissenschaftler wie Abraham Maslow, Lawrence Kohlberg, Jane Loevinger oder James Fowler haben einen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung beschrieben, der durch einen Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen Innenwelt und Außenwelt gekennzeichnet ist. Im Modell der vier Quadranten nach Ken Wilber entspricht dieser Vorgang einem Wechsel zwischen dem oberen linken (Ich) und dem unteren linken (Wir) Quadranten. Im System der Spiral Dynamics sind es jeweils vier Farben, die Wertememe in diesen Quadranten repräsentieren (oben links = Beige, Rot, Orange, Gelb; unten links = Purpur, Blau, Grün, Türkis). Die beiden rechten Quadranten stellen entsprechende Substrate der rationalen Wahrnehmung dar und korrespondieren mit dem jeweiligen linksseitigen Quadranten.
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Abb. links: Die Wertememe der Entwicklungsspirale in der integralen Theorie nach Ken Wilber |
Individuen und Gesellschaften tendieren dazu, sich zwischen den Polaritäten des Ich und Wir wie ein Pendel hin und her zu bewegen. Ist der Pendelschlag ganz im Ich angekommen machen sich die für das aktive Wertemem typischen Probleme drängend bemerkbar. Tendenziell ist der Aufstieg innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie gehemmt, Elitebildungen werden fraglich, das System lässt sich nicht mehr von Einzelpersonen kontrollieren. Eine Lösung dieser Situation kann es nur durch Hinwendung zu einem wir-betonten Wertemem geben. Im umgekehrten Fall wird die aufopfernde Unterordnung des Individuums unter die Gruppe schließlich zur Stagnation der persönlichen Entwicklung führen und zu viele Energien auf den Erhalt des Status quo verwenden, so dass es schließlich zur Auszehrung des Gesamtsystems kommt. Abhilfe kann hier nur durch die Aktivierung von Wertememen aus dem Ich-Spektrum erwartet werden.
4. Ein neues Wertemem entsteht, wenn sich innerhalb der Spirale genügend Druck aufgebaut hat um eine Aufwärts- oder in seltenen Fällen eine Abwärtsbewegung in ein neues System hinein zu verursachen (siehe Pkt. 2). Dieser Prozess verläuft wellenförmig in drei Phasen, Eingangsphase, Höhepunkt und Ausgangsphase. Eingangs- und Ausgangsphase sind instabile Zustände des Wandels mit Anteilen vom vorhergehenden bzw. folgenden Wertemem, der Höhepunkt allein zeigt das neue Wertemem in seiner reinen Wirkung.
5. Das Auftauchen neuer Wertememe ist eine notwendige Folge angehäufter Probleme in Not leidenden Systemen. Es gibt jedoch keine Garantie für einen passgenauen Übergang in ein neues Wertesystem. Überkommene Glaubensvorstellungen und Praktiken sind oft zu beständig, als das sie den neuen Erfordernissen weichen würden. Die Comic-Figur Pogo beschreibt die Situation treffend: „Wir hat den Feind getroffen und er ist uns.“ Es kommt wie bei Pogo auf den Standpunkt an – der Freiheitskämpfer der einen Seite ist der Terrorist der anderen Seite. Die Schwierigkeiten, zu einer angemessenen Beurteilung neuer Situationen zu kommen nehmen im Verlauf der Evolution zu. Die Psychische Struktur der Menschen wird vielschichtiger, die Sichtweite des Menschen dehnt sich räumlich und zeitlich aus, die Möglichkeiten von Handlungsalternativen werden zahlreicher und auch die Spanne emotionaler Reaktionen wird größer.
6. Wertememe existieren in der Wertespirale des Menschen nebeneinander. So kommen je nach Lebensbereich des Menschen unterschiedliche Denkweisen zum Tragen. Wer beispielsweise in religiösen Fragen blau dominiert ist, kann in seinem politischen Verhalten vorwiegend grün beeinflusst sein, in wirtschaftlichen Belangen kann dagegen orange dominant sein. Die Wertestruktur eines Menschen setzt sich aus einer Vielzahl zwiebelförmiger asymmetrischer Ringe zusammen (siehe oben).
7. Innerhalb der Spirale ordnen sich Wertememe in Sechsergruppen. Von den bisher bekannten 8 Wertememen bilden so die ersten 6 die erste Ordnung (Beige, Purpur, Rot, Blau, Orange und Grün), die beiden folgenden (Gelb und Türkis) die beginnende zweite Ordnung. In den Dimensionen dieser Evolutionsentwicklung betrachtet befindet sich die Menschheit gerade im Übergang von der ersten Ordnung zur zweiten Ordnung, d. h. erst jetzt stehen genügend Möglichkeiten und Kräfte innerhalb der Spirale zur Verfügung die eine höhere Bewusstseinsstufe des Menschen in Aussicht stellen.
Die dynamischen Kräfte in den Veränderungsprozessen der Memsysteme können entlang den Fragen nach den Bedingungen, den bewussten Einflussnahmen auf das Memspektrum, den Verharrungskräften, den Übergangserscheinungen und den gegenseitigen Beeinflussungen der Wertememe untereinander praktisch gehandhabt werden. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Erkenntnisfähigkeit ebenfalls den Wertememen unterliegt und jedes Wertemem der ersten Ordnung für sich in Anspruch nehmen wird, die Lösung für den notwendigen Wandel innerhalb der Spirale zu besitzen. Erst die Fähigkeiten der zweiten Ordnung (das gelbe und das türkisfarbene Wertemem) in der Spirale lassen eine umfassende Beurteilung der Situation erwarten. Tendenziell kann man sich daran orientieren, dass Wertememe mit kalten Farben (Purpur, Blau, Grün) autoritärer reagieren, warme Farben (Beige, Rot, Orange) dagegen flexibler reagieren. Die Eigenheiten der Wertememe werden später noch genauer dargestellt.
Damit sich innerhalb der Spirale etwas verändert, müssen einige Bedingungen erfüllt werden, die den Grad der Veränderung und die genaue Art der Veränderung festlegen.
| Bedingung | Status 1 | Status 2 | Status 3 | Status 4 |
| Potential | offen: Mit dem Schwerpunkt in einem W-Mem-System, doch fähig, sich in jede Richtung frei zu bewegen, je nachdem, wie sich verändernde Lebensbedingungen dies erforderlich machen. | blockiert: Die Bewegung zu zukünftigen W-Memen ist versperrt, doch vorhergehende Ebenen sind weiterhin zugänglich. | geschlossen: Psychologische Blindheit hält die Personen davon ab, sowohl vergangene als auch zukünftige Alternativen wahrzunehmen. | |
| Lösungen | Probleme sind auf der gegenwärtigen Ebene nicht vorhanden oder müssen andernfalls auf der gegenwärtigen Ebene angemessen behandelt werden. Es ist überschüssige Energie vorhanden, um die nächst komplexeren Systeme zu erkunden. | Es ist ein angenehmer Zustand und ein relatives Gleichgewicht erreicht. Es ist überschüssige Energie vorhanden, um die nächst komplexeren Systeme zu erkunden. | ||
| Dissonanz | Es gibt ein Bewusstsein der wachsenden Kluft zwischen den Lebensbedingungen und den gewohnten Mitteln. | Die Menschen fühlen, dass „etwas nicht in Ordnung ist“. | Die alten Lösungen versagen erbärmlich unter den neuen Lebensbedingungen. | |
| Hindernisse | Historische wie gegenwärtige Hindernisse werden identifiziert und angegangen. | Risiken, Folgen und Schmerzen als Kosten der Beseitigung von Hindernissen sind kalkuliert. | Entschuldigungen und Rationalisierungen, weshalb Veränderungen nicht umgesetzt werden, sollen transparent werden. | |
| Erkenntnis | Es liegen tiefere Einblicke in die Mechanismen vor, wie sich Systeme bilden, verfallen und reformieren. Möglichkeiten und Mittel der Veränderungen müssen von den Menschen akzeptiert sein | Veralteten Antworten, die der Komplexität der neuen Situation nicht mehr gerecht werden, werden nicht erwogen. | Alternative Szenarien werden an Hand von Modellen und Erfahrungen aus maßgeblichen Quellen durchgespielt. | Das Auftauchen neuer Lebensbedingungen wird schnell wahrgenommen, ebenso wie die W-Meme, die erforderlich sind, um mit ihnen in Übereinstimmung zu gelangen. |
| Konsolidierung | Es wird in der Übergangsphase Unterstützung durch Einbettung in eine Kultur der Veränderung bereitgestellt. Anfängliche Fehlschläge werden als hinzunehmende Tribute an die sich neu bildenden neuronalen Denkstrukturen interpretiert | |||
Neben diesen rational erfassbaren Bedingungen ist eine Standortbestimmung des Systems im Hinblick auf seinen Gefühlszustand und die daraus abzuleitenden Chancen auf Veränderungen notwendig. Je genauer die WMemsysteme mit den Lebensbedingungen synchron sind, desto geringer ist der Veränderungsdruck. Im System der Spiral Dynamics werden fünf Schritte unterschieden, die zu Beginn jedes aktiven Eingreifens in die Prozesse des Systems als Startmarken bekannt sein müssen.
In der Alpha-Übereinstimmung besteht aus Sicht des betrachteten Systems keine Notwendigkeit zu Veränderungen, da es effizient arbeitet und die daran Beteiligten weitgehend zufrieden sind. Es muss allerdings bedacht werden, dass sich die äußere Welt unabdingbar unter dem Einfluss natürlicher Faktoren (Klima, Erdbeben, Seuchen usw.) und vom Menschen gemachter Veränderungen (Eingriffe in die Umwelt, Kriege, wirtschaftliche Schwankungen usw.) verändert, eine Stabilisierung des Status Quo nüchtern betrachtet also illusorisch ist.
Der Beta-Zustand bezeichnet eine Zeit der Ungewissheit, des Fragens und der Frustration. Zeichen des Niedergangs werden gefühlt ohne das Gründe dafür erkennbar wären. Politische Skandale häufen sich, die allgemeine Moral sinkt.
Die Gamma-Falle entsteht, wenn sich die Situation des Beta-Zustands weiter verschlechtert, so dass Wut, Hoffnungslosigkeit und revolutionäre Ausbrüche zu Tage treten. Unüberwindliche Hindernisse tauchen überall auf, die im Beta-Zustand gefühlten Zustände treten nun als nackte Tatsachen hervor, wie es z. B. 1919 in der bayerischen Räterepublik geschah. Ernst Toller, einer der Führer der revolutionären Bewegung rechtfertigte das revolutionäre Geschehen mit den Worten: „Ich würde mich nicht Revolutionär nennen, wenn ich sagte, niemals kann es für mich in Frage kommen, bestehende Zustände mit Gewalt zu ändern. Wir Revolutionäre anerkennen das Recht zur Revolution, wenn wir einsehen, dass Zustände nach ihren Gesamtbedingungen nicht mehr zu ertragen, dass sie erstarrt sind. Dann haben wir das Recht, sie umzustürzen.“ Der Weg in die Gamma-Falle ist jedoch nicht ohne Hoffnung. Durch externe Berater können Reformoptionen aufgezeigt werden, die ein erneutes Agieren statt des schicksalhaften Reagierens möglich machen. Scheitern die Rettungsversuche, ist ein Rückzug entlang der Spirale nach unten von Grün nach Orange, von Orange nach Blau, von Blau nach Rot, von Rot nach Purpur und von Purpur nach Beige unausweichlich. Diese Regression bringt eher psychopathisches als neurotisches Verhalten hervor. Formen der Selbstzerstörung bis zu krankhaften antisozialen Handlungen sind an der Tagesordnung. Verbrechen, Terrorismus und Straßengewalt sind als Symptome dieser memetischen Prozesse erklärbar.
Im Delta-Aufschwung sind die einengenden Barrieren der Gamma-Falle durchbrochen und es tritt eine rasche Veränderung der Verhältnisse ein. Die Menschen sind wieder bereit nach vorn zu schauen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dabei kann es recht holperig zugehen und Rückschläge führen zum Abebben des Jubels. In manchen Fällen kann sich der Sieg über das alte Elend als Illusion herausstellen, die von den Hütern der alten Ordnung vorgegaukelt wurde oder auch eine Rückkehr in den Gamma-Zustand kann die Folge sein. Häufig befreien sich Menschen von einem Tyrannen, nur um die Geiseln eines noch größeren zu werden.
Das neue Alpha schließlich spiegelt die Konsolidierung der Ideen und Einsichten, die von der Beta-Phase über die Gamma-Falle bis zum Delta-Aufschwung gewonnen worden sind. Der Einzelne kehrt in einen stabilen Zustand zurück, während sich die Welt erneut in Harmonie befindet. Doch die nächste Beta-Situation wird bald erkennbar werden und ein neuer Phasendurchlauf beginnt.
Von den genannten Bedingungen und der gerade erreichten Problemphase hängt es entscheidend ab, ob und in welchem Umfang Veränderungen innerhalb der Spirale möglich sind. Beck und Cowan unterscheiden 7 Varianten, die von der Feinabstimmung oder der Ausdehnung innerhalb der Alpha-Übereinstimmung eine horizontale Bewegung in der Spirale vollführen, über die diagonal verlaufenden Aufwärts- oder Abwärtsstreckungen, die auch benachbarte WMeme oberhalb oder unterhalb des dominierenden WMems teilweise einbezieht bis hin zur senkrecht hinauf oder hinab führenden Evolution bzw. Revolution - erstere im Falle eines Delta-Aufschwungs, letztere im Angriff auf Barrieren innerhalb des Gamma-Prozesses. In der 7. Variante erfolgt ein senkrechter Quantensprung die Spirale hinauf, wie er beim Anbruch einer neuen Ära zu sehen ist.
In der folgenden Matrix wird die jeweilige Reichweite der 7 Varianten zusammengefasst:
| Bedingung | Feinabstimmung (1. Variante) | Ausdehnung (2. Variante) | Aufwärts-/ Abwärtsstreckung (3. u. 4. Variante) | Revolutionärer Ausbruch (5. Variante) | Evolutionärer Aufstieg (6. Variante) |
| Potential | - | - | X | XX | XX |
| gelöste Probleme | X | X | X | XX | XX |
| Dissonanz | X | X | XX | XX | XX |
| Einsichten | - | X | X | X | XX |
| gefundene Barrieren | - | - | X | X | XX |
| Konsolidierung | - | - | XX | XX | XX |
Bei der siebten Variante kommt es zu einem Quantensprung, der alle 6 Bedingungen umfasst und der sein Potential in der gesamten Spirale findet. Er befähigt dazu, Probleme auf vielen Ebenen zu lösen. Für die Beherrschung der ablaufenden Prozesse ist ein Denken zweiter Ordnung erforderlich. Quantensprünge sind ergebnisoffen, sie können sowohl zu revolutionären Ausbrüchen wie auch zu evolutionären Aufstiegen führen. Es kommt zum Aufsuchen von Nischen im Bestreben nach Fortsetzung der alten Ordnung und es entbrennt der Kampf ums Überleben.




