Die Wertememe
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Abb.: Die 8 Wertememe der Entwicklungs- spirale Anm.: Um Erläuterungen zu den Wertememe zu erhalten, klicken Sie mit der linken Maustaste auf eine der Farben in der Grafik |
Die Wertememe werden in der Reihenfolge ihres Auftauchens in der Evolution nachfolgend unter Verwendung der Beschreibungen in dem Buch von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan "Spiral Dynamics, Leadership, Werte und Wandel", J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2007 zusammenfassend beschrieben:
1. Beige
Das beige Wertemem tauchte etwa 100.000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung auf. Es kennzeichnet im Verlauf der Evolution den Beginn der Noosphäre, der bewussten Schicht der Erde. Das Bewusstsein ist noch kaum entwickelt, die menschlichen Lebensvorgänge laufen weitgehend automatisch ab. Was vor diesem Zustand lag ist nur spekulativ zu erörtern. Mit dem Erscheinen des beigen Wertemems beginnt der Prozess der menschlichen Entwicklung - zunächst mehr biologisch, dann zunehmend psychisch. Der genetische Unterschied zwischen dem Schimpansen und dem Menschen beträgt weniger als 1% und ist ein Hinweis auf diesen Trend der Evolution. Das beige Wertemem ist aber nicht nur als urzeitlicher Zustand der Menschheit aufzufassen. Es begegnet uns sowohl am Beginn des individuellen Menschenlebens als Säugling wie auch an seinem Ende bei der Altersdemenz. Darüber hinaus sind seine Merkmale bei Kriegsveteranen, Alzheimerkranken, Alkoholikern und Geisteskranken als Regressionszustand zu finden. Auch im Mythos des "edlen Wilden" begegnet es uns. Während die Erscheinungsformen des Beige aus der Sicht der heute dominierenden Werthaltungen in arroganter Weise als primitiv und minderwertig abgelehnt werden, kommt es im Mythos des edlen Wilden zur Überbetonung positiver Eigenschaften. Den im Vordergrund stehenden Handlungen zur Sicherung des täglichen Überlebens (Jagd, Nahrung sammeln, primitiver Ackerbau) werden die damit im Zusammenhang stehenden besonderen Fähigkeiten, die beim modernen Menschen verkümmert sind, im Mythos des "edlen Wilden" gegenüber gestellt. So scheint das beige Wertemem über Intuition in Bezug auf bevorstehende Ereignisse und eine einzigartige Raumwahrnehmung zu verfügen. Zugespitzt ausgedrückt kann jemand der Zugang zum Beige hat, denken wie eine Forelle, sehen wie ein Hirsch und von dem leben, was die Natur ihm bietet.
In den heutigen globalen Verhältnissen ist Beige überwiegend als regressiver Zustand in Armut geborener, verarmter oder in Kriege verwickelter Menschen zu sehen. Daneben kommt es in einzelnen Nischen überlebender Naturvölker vor. Viele dieser Erscheinungsformen des Beige sind aber in Wahrheit negative Folgen komplexerer Wertememe der Gesellschaft, die Energie und Ressourcen an sich ziehen, so dass sie den verarmenden Menschen fehlen. Als Hauptverantwortliche für diese Entwicklungen sind die Strukturen im weltweit dominierenden orangen Wertemem zu sehen. Der Urvater von Spiral Dynamics hielt dieses in prägnanten Worten fest:
"Von seiner erhabenen Position relativen westlichen Erfolgs und beruflicher Überlegenheit schaut er mit höhnischem Urteil auf den Menschen auf der ersten Ebene herab (Beige). 'Hätte er nur ein bisschen Köpfchen, würde er sein Leben in die Hand nehmen und sich aus seiner Lage befreien', sagt der materialistische (orange) Mensch mit hochmütiger Herablassung. 'Ich habe es auch geschafft. Sieh mich an. Ich bin ganz allein zu dieser Position gelangt. Wer etwas draufhat, kann das auch schaffen." (Clare Graves; zitiert nach Beck und Cowan)
Eine Aufstieg aus Beige innerhalb der Entwicklungsspirale ist schwierig, da es an grundlegenden Lebensbedingungen wie Nahrung, Wasser, Sicherheit und förderlichen Umweltbedingungen mangelt. Deshalb ist zunächst die Bereitstellung und kontrollierte Verteilung dieser Güter erforderlich. Nur so können Kräfte bei den Betroffenen frei gesetzt werden, die sie befähigen, über den täglichen Überlebenskampf hinaus Eigeninitiative zu entwickeln.
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Bild: Arbeiterfamilie in Hamburg um 1902. (Quelle: Wikipedia) |
Ein Ausweg aus der Öde des Beige hin zum Purpur als nächstem Wertemem wird in dem Maße möglich, wie Zeit vorhanden ist, direkte Beobachtungen zu machen und darüber nachzudenken warum etwas geschieht. Die bandenartigen sozialen Beziehungen unter den Mitgliedern werden durch Konkurrenz um Nahrung, Sexualpartner und Lebensräume zunehmend in Frage gestellt. Auf Grund neuer neuronaler Verbindungen im Gehirn differenziert sich das Bewusstsein in ich, mir und mir selbst. Damit tritt allmählich die Abgrenzung zwischen anderen Menschen, Tieren und Pflanzen ein. Neue Verhaltensweisen stellen sich mit zunehmendem Selbstbewusstsein ein: Gefahren werden als Ausdruck der Fähigkeit zu logischer Vorausschau erkannt, Gefühle der Stärke als Qualität der größeren Gruppe stellen sich ein, soziale Beziehungen festigen sich, da ihre Vorteile erkannt werden. Während dessen nimmt das Gehirn an Komplexität zu. Ereignisse die zu unterschiedlichen Zeitpunkten eintraten, werden als kausale Zusammenhänge erkannt.
Als Artefakte dieser Entwicklungsstufe werden von Archäologen Knochentotems und steinerne Fruchtbarkeitsamulette gefunden. In unserer Zeit sind es die heiß geliebten Spielsachen, Puppen und Teddybären unserer Kindheit oder das Kommunionkleid die auf dem Dachboden aufbewahrt werden.
Der psychisch wirksame Begriff des Beige ist "Überlebenswille". Hierin drücken sich die instinkthaften Verhaltensweisen des Beige und das "Warum" zur Erkennung der Position in der Entwicklungsspirale aus. "Überlebenswille" ist deshalb das Reizwort, mit dessen Hilfe in diesem Projekt das Internet befragt wird.
2. Purpur
In Purpur kommt erstmals ein Wertemem der Gruppenbildung zum Vorschein. Es ist von mystischen Geistern, heiligen Plätzen, Gegenständen und Ritualen bestimmt. Die Pflege der Bräuche und die Ehrung der Alten sorgen für den Zusammenhalt und die Sicherheit in der Lebensgemeinschaft. Der Gang des Lebens ist an den Rhythmus der Natur angepasst.
Aus dem herdenartigen Zusammenleben unter dem Einfluss von Beige entstehen nun die Familie, der Clan und die Stämme. Die Zusammengehörigkeit wird durch die Verwandtschaft und die Nachbarschaft vermittelt. In der individuellen Entwicklung des Kindes kann es in diesem Stadium zur Entwicklung psychischer Defekte kommen, die sich im späteren Leben durch kompensierende Verhaltensweisen wie Bandenbildung, Kulte und zerbrechliche Ehen zeigen.
Durch die erweiterten Möglichkeiten der Gruppenbildung entstanden kulturelle Leistungen, die wiederum zur Entwicklung neuronaler Fähigkeiten wie analytisches Denken, die Fähigkeit zu verstehen und etwas im Gedächtnis zu behalten sowie für die Zukunft zu planen führten. Vom Entstehen dieser Fähigkeiten zeugen noch heute die Sternkreiszeichen, Höhlenmalereien mit Tieren und die zahlreichen Mythen von Elfen in Zauberwäldern.
Der Übergang vom beigen Wertemem zu Purpur erfolgte in Folge der überlebensnotwendigen Auseinandersetzung mit Naturphänomenen wie Flüssen, Bergen, der Sonne, dem Himmel und dem Feuer. Ihnen wurden geistige Kräfte unterstellt, die es zu besänftigen galt und mit denen in Harmonie zu leben notwendig war.
In der kindlichen Entwicklung entspricht der Übergang von Beige zu Purpur dem Ende der Säuglingszeit und der zunehmenden Wahrnehmung des Körpers. Schließlich wendet sich das Kind auch den Gegenständen in seiner unmittelbaren Umgebung zu und die Schmusedecke, die Quietschente, das Töpfchen oder der Teddybär werden zu unentbehrlichen Objekten. Diese Phase schließt etwa um die Mitte des ersten Lebensjahres mit der Entdeckung ab, dass Menschen und Tiere empfindende Wesen sind.
Das Denken im voll entwickelten Purpur ist durch die Aktivität der rechten Hirnhälfte bestimmt. Hieraus ergibt sich die Fähigkeit zu einer erhöhten Intuition, starke Gefühlsbindungen an Orte und Gegenstände und ein mystifizierender Sinn für Ursachen und Wirkungen. Kurz und abstrakt gesagt: Das Denken ist animistisch, schamanisch und mystisch. Wir begegnen diesem Denken heute noch z. B. bei Rutengängern, Jägern und Kräutersammlern. Auch hypersensible Menschen mit einem erhöhten Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen sind in diesem Wertemem zu Hause und sie sind hier zur Herstellung einer harmonischen Ordnung hoch geachtet.
Im Purpur geprägten Denken spielt die Zeit eine eher untergeordnete und zirkulär verlaufende Rolle. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden oft nicht unterschieden. Wichtiger sind Orte und Umstände des Geschehens. Wer jemals als rational denkender Westler in vorindustriellen Zusammenhängen gearbeitet hat, wird begreifen was es bedeutet, wenn gesunde soziale Beziehungen mehr Gewicht haben, als die Terminplanung für die industrielle Produktion.
Purpur hat das kollektive Gedächtnis hervorgebracht, das in Fabeln, Sagen und Legenden von Generation zu Generation weiter gegeben wird und von modernen Autoren wie Tolkien, Frazer, Campbell und den Disney-Welten wieder belebt wird. Auch die Religionen tragen mit der Pflege ihrer Mythen zum Einfluss purpurner Spuren in der Evolution bei (z. B. die Sintflut, kirchliche Feiertage in heidnischen Mond- und Sonnenzyklen).
Das Menschenbild in Purpur ist exklusiv; wer nicht die Merkmale der Gruppe als Zugehörigkeitszeichen aufweist gilt als andersartig, Kuriosität, Unperson oder bedrohlicher fremder Teufel, wie man heute noch im New Yorker Chinatown sagt. Aus dieser Sicht ergeben sich Vorteile für die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gruppe, aber auch Nachteile durch die damit verbundene Isolierung, die ein Lernen von anderen Gruppen ausschließt. Extreme Erscheinungen in Purpur sind ethnische Säuberungen, Kriege zwischen Clans oder innerhalb des Stammes, wie sie uns noch täglich in den Nachrichten begegnen.
Die Konfrontationen blauer und orangener Wertememe mit Purpur haben zum Aussterben vieler Naturvölker geführt. Was von ihnen noch geblieben ist, befriedigt das schlechte Gewissen der siegreichen Zivilisation des Westens.
Es wäre jedoch leichtsinnig zu glauben, die Dominanz von Orange in den Industriestaaten habe den Einfluss von Purpur aus der Evolution hinausgedrängt. Der Aufstieg Adolf Hitlers zur Kultfigur des Dritten Reiches beweißt, dass es auch in aufgeklärten Gesellschaften möglich ist, das in tiefere Bewusstseinsschichten zurückgedrängte Purpur neu zu beleben, wenn die äußeren Umstände hierfür günstig sind.
Das tragende Prinzip in Purpur ist das gegenseitige aufeinander Angewiesensein: „Einer für alle, alle für einen“. Dieses Motto galt sowohl für die drei Musketiere im Roman von Alexandre Dumas wie es auch heute noch für Ehrenmorde archaischer Bräuche gilt. Unter der Bezeichnung „Ubuntu“ ist es im afrikanischen Sozialismus/Humanismus als Ausdruck des Gemeinsinns geläufig. In extremer Form kann dieses Prinzip bis zur Selbstaufopferung als Kamikazepilot, zur Tötung als Selbstmordattentäter oder zum selbstlosen Einsatz der Mutter zum Schutz ihres Kindes führen, wie es in den Ruinen von Pompeji zu erkennen ist oder wie es im Salomonischen Urteil der christlichen Bibel beschrieben wird.
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Bild: Giovanni Battista Tiepolo: Das Urteil Salomos (Quelle:Wikimedia Commons) |
Purpur begegnet uns im modernen Leben am Arbeitsplatz, wenn Entlohnungs- und Vergünstigungsprogramme dadurch erschwert werden, dass der Begünstigte durch die Auszeichnung von der Gruppe isoliert wird oder wenn in den Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern gleiche Lohnerhöhungen für alle verhandelt werden, statt individuelle Leistungsanreize zu fördern. Es schwingt mit in den Rhythmen des Rap und Country-Western und in den Ritualen und Zeremonien der Kirchen. Die „Glücksschuhe“ der Profifußballer, die Namen für Schiffe und Flugzeuge, die Puppe, die zum Puppendoktor muss oder der „Bello“ und die „Mieze“ mit denen Frauchen spricht sind weitere Beispiele für die animistischen Relikte in der Jetztzeit. Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Worauf es jedoch vor allem ankommt, sind die tiefen Beziehungen, die Purpur in das Verhältnis zwischen Eltern und Kinder bringt. Wenn Kinder diese Phase überspringen, steht die sich darauf weiterentwickelnde Spirale auf wackeligem Boden, denn der wichtigste Beitrag von Purpur zur Evolution ist die Fähigkeit zur Liebe.
Die Zeichen von Purpur begegnen uns überall: Nationalfahnen führen Soldaten zum Kriegseinsatz und begleiten sie auf dem Weg zur letzten Ruhestätte, Demokratie ist zum Symbol europäisch geprägter Kultur geworden, Kunstwerke zeigen eine zweidimensionale Welt, Darstellungen von Menschen betonen die Fruchtbarkeit durch übergroße Geschlechtsmerkmale, die Freiheitsglocke, die englische Krone und die Stadt Jerusalem, religiöse Medaillen, Eheringe und Glücksbringer haben starke purpurne Aspekte.
In Purpur werden Zeichen zu praktischen Informationen, die den Vorteil der exklusiven Gruppenzugehörigkeit in das tägliche Leben übertragen. So markierte das „fahrende Volk“ unauffällig die Häuser derjenigen, bei denen ein Almosen wahrscheinlich war mit Zinken, andere Gruppen wie Sinti und Roma, Landstreicher und Hausierer hatten ebenfalls ihre Zeichen, die nur von Angehörigen ihrer Gruppe entziffert werden konnten. Auch die durch neue soziale Bewegungen ab den 1970er verbreiteten Aufkleber weisen darauf hin, dass Purpur aktiv war. Der an den Schulen zu beobachtende Markenfetischismus, die Schals der Fangemeinden und die Schnürsenkelfarben der rechtsextremistischen Jugend sind greifbare Anzeichen der Zugehörigkeit zu einer purpurnen Struktur.
Die unter dem dominierenden Einfluss von Purpur stehenden Lebensweisen sind in ihrer ungestörten Praxis allgemein sehr organisch und haben nur geringe Auswirkungen auf die Umwelt. Sobald jedoch aus orange dominierten Strukturen entscheidender Einfluss auf diese Lebensweisen ausgeübt wird (z. B. moderne Medizin, Arbeitsteilung und Einsatz von Maschinen, Geldwirtschaft) kann die purpurne Lebensweise sehr zerstörerisch wirken. Das über Generationen hinweg vermittelte purpurne Wissen geht dann sehr schnell verloren und mit ihm die Verantwortung für die Umwelt in der die Gruppe lebt.
Der Übergang von Purpur zu Rot bedeutet in der Entwicklungsspirale die Entfaltung des Individuums, das davon träumt, etwas zu unternehmen. Der intensive Kontakt mit der Umwelt lässt eigene Erklärungen für Zusammenhänge aufkommen, die im Widerspruch zu den Erklärungen der Anführer stehen und diese als Aberglauben entlarven. Die Konkurrenz um die besten Lebensräume nimmt unter den benachbarten Gruppen zu und bietet die Gelegenheit für starke Persönlichkeiten (wie z. B. Shaka Zulu), die Führung und die Macht zu übernehmen. Von ihr werden die Grenzen der Mythen und Tabus nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ nach und nach weiter hinaus geschoben. Auf diese Weise wird die Macht der Geister geringer. Hinzu kommt die Erfahrung, dass die Anrufung der Geister nicht immer zum Erfolg führt. Daher werden die Götter in der Übergangsphase zu Rot mit Persönlichkeitsdefekten bedacht, die einerseits deren Versagen erklären und andererseits dem Selbst mehr Macht zuführen, da die Götter nun für Schmeicheleien und Manipulationen zugänglich sind. Doch ist sich der nun mächtige Krieger noch sehr wohl bewusst, dass er ohne die unterstützende Gruppe schwach ist.
3. Rot
Das verblassende Purpur verhilft dem egomanischen Rot zum Durchbruch. Die Welt hat hier dem persönlichen Willen zu gehorchen. Dem Leben selbst wird kein eigenständiger Wert beigemessen. Das Leben wird stattdessen dem Auskosten des Augenblicks unterworfen. Beziehungen zu anderen Menschen dienen ebenfalls dem eigenen Zweck und sind nur oberflächlich und von unbestimmter Dauer. Schuldgefühle über das eigene Verhalten werden gar nicht erst bewusst. Doch hat Rot auch seine fördernde Funktion innerhalb der Entwicklungsspirale, indem es befreiend und kreativ zur Überwindung aufgekommener Probleme in anderen Wertememen beiträgt.
Innerhalb der Entwicklung des Kindes beginnt das Denken in Rot etwa ab dem Ende des ersten Lebensjahrs. Ausgeprägte Verhaltensmerkmale zeigt es in der Trotzphase, die etwa bis zum vierten Lebensjahr anhält und innerhalb der Pubertät. Wenn diese ersten Äußerungen von Auflehnung und Unabhängigkeit des Kindes von den Eltern nicht erkannt werden oder unterdrückt werden, können die Kinder ihre Wut für ihr ganzes Leben erstarren lassen.
Ziel des roten Wertemems ist die Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Dementsprechen kommt es in Gestalt von Warlords in Ländern wie Somalia, Afghanistan oder Jemen, Imperien wie dem englischen Kolonialreich oder dem Osmanischen Reich vor. Entdeckungsfahrten der großen Seefahrer wie James Cook, Ferdinand Magellan oder William Blight waren auch gleichzeitig Eroberungsfahrten für die herrschenden Auftraggeber. Der Führungsstil auf ihren Schiffen entsprach dem roten Wertemem in dessen Bann sie standen. Die Durchführung weniger dramatischer Eroberungs- und Entdeckungsreisen als der der Bounty zeigt, dass eine angemessene Handlungsweise in Rot auch dazu fähig ist dem Einsatz von Macht einen positiven Sinn zu geben.
Die aus Purpur stammenden Götter werden in Rot schließlich sehr menschlich und auf wundersame Weise wohltätig. So konnten sie sich bis in die Kinderzimmer der Gegenwart als Monster und Gnome erhalten.
In Rot gebildete Gesellschaftssysteme basieren auf körperlicher Gewalt, Einschüchterungen und dem Charisma ihrer Führer. Sie umfassen sowohl Mächtige und Wohlhabende wie auch machtlose Habenichtse. Die Wünsche der Mächtigen werden von den Machtlosen erfüllt. Es scheint so, als sei der Sozialdarwinismus in Rot verwirklicht. Doch das trifft nicht zu; Rot hat kein rassistisches oder patriarchales Gesicht.wie es die Theorie des Sozialdarwinismus voraussetzt. Die tief liegenden destruktiven Tendenzen von Rot haben weit mehr mit den Lebensbedingungen und den Wertememen zu tun, die diese erwecken. Eine wichtige Quelle von Rot sind die Ungleichheiten zwischen den Generationen. Die gegenwärtig in das Berufsleben eintretende Generation sieht sich vor die enormen Herausforderungen des demographischen Wandels gestellt. Auf der einen Seite werden die Chancen der Teilhabe am Wirtschaftsleben und der Teilhabe am öffentlichen Leben immer schlechter, auf der anderen Seite wächst die Zahl der Rentenempfänger, die aus den Arbeitseinkommen finanziert werden müssen. Wut und egozentrisches rotes Denken sind die Folgen. Rot hat in solchen Situationen die Funktion einer Alarmanlage, die auch falsche Versprechungen durchschaut und Betrug nicht toleriert.
Anzeichen eines verstärkten roten Einflusses sind die Einfärbungen der Alltagssprache mit Wörtern für Körperteile und Sex sowie Flüche. Es handelt sich um eine Verrohung der Sprache durch Ausdrücke der Herrschaft und Macht. Der feine Witz geistvoller Schlagfertigkeit hat hier keine Chance mehr; die Comedy hat das Kabarett weitgehend aus den Unterhaltungsprogrammen des Fernsehens verdrängt. Im Krieg kommt es zu Massakern, Vergewaltigungen und Plünderungen sowie zur Präsentation von Kriegstrophäen. Kinder stehlen Autos oder werfen Steine von Autobahnbrücken oder schießen auf willkürlich ausgesuchte Opfer.
Die in Rot geballte Energie kann sich innerhalb der heutigen dominierenden städtischen Lebensbedingungen nicht mehr positiv entfalten. Eine immer drängendere Frage in den entwickelten Zivilisationen ist daher, wohin kann sich Rot richten, um Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben? Ein Blick auf die Freizeitaktivitäten der heranwachsenden Generation lässt erkennen, dass die virtuellen Welten der Video- und Computerspiele sowie die Straße die neuen Schauplätze der jugendlichen Helden sind. Aber was ist das Thema, der dort ausgetragenen Konflikte, in die sich die Spieler hineinversetzen? Das Leitthema wurde von Clare Graves so benannt: “Statt unerträgliche Schande zu leiden, weil du dein Gesicht verloren hast, sollst du unter allen Umständen dein Selbst zum Ausdruck bringen, um gepriesen zu werden – einer, der ewig im Gedächtnis der Menschen weiterleben wird.“ Menschen, die so denken, neigen dazu, den Grund für ihre Schwierigkeiten und Fehlschläge außerhalb von sich zu sehen.
Menschen in Rot sind unfähig, sich Beschränkungen aufzuerlegen oder gut zu planen. Sie gleichen wohlhabenden Wüstenbewohnern, die den Tank ihres Straßenkreuzers leer fahren und an der nächsten Ecke ein neues Auto kaufen. In Rot denkende Menschen wollen größer sein, als sie wirklich sind und das letzte Ziel ist, den Tod herauszufordern und zu gewinnen. Dem entsprechend sind sie egozentrisch und unverfroren, sie haben große Sebstsicherheit, Machtansprüche und vermeintliche Vorrechte; Schuldgefühle und Rücksicht auf andere fehlen. Beispiele sind die Paten der Mafiawelt, die Wikinger, Dschingis Khan und Caligula.
Das leichte Leben in Rot spielt sich auf der griechischen Insel Eros, in Teilen von Bangkok, im Karneval von Rio de Janeiro, in Tijuana oder in Amsterdam statt. Diese Orte der Lust und Spontaneität kommen dem inkonsequenten Denken von Rot entgegen. Besonders Teenager mit einer guten Hormonausstattung und Drogenabhängige, für die „high“ zu sein das Zentrum des Lebens bildet fühlen sich dort hingezogen.
Rot ist häufig im Lebensumfeld armer Stadtbewohner zu hause. Eine kurze Lebenserwartung und ständige Gefahren sind wesentliche Bestandteile des täglichen Lebens. Wer hier heran wächst, zählt in seiner Vita meistens eine lange Liste krimineller Vergehen auf. Es ist gut, „böse“ und gefürchtet zu sein. In den Schulen tauchen Waffen auf. Die einzige Lehre für Rot ist hier: „Das Leben ist nicht viel wert“, und „Das Leben ist ein Dschungel“; „die Welt ist voll von Räubern und Opfern, von Fressern und Gefressenen“.
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Bild: Rotkäppchen trift den bösen Wolf (Quelle: Wikimedia Commons) |
Menschen, die auf dem Höhepunkt von Rot angekommen sind, lernen nicht durch Bestrafung,
da Tat und Bestrafung nicht in zeitlichem Zusammenhang stattfinden, Schuldgefühle nicht vorhanden sind und Ursachen immer an jemandem anderes liegen. Die begangenen Straftaten werden in Rot impulsiv, d. h. nicht vorsätzlich ausgeführt, so dass durch die Täter keine entfernteren Konsequenzen bedacht werden. Die in den USA durchgeführten Hinrichtungen solcher Täter haben lediglich den Effekt, dass sie Gefängniszellen sparen, blau geprägten Menschen ein Gefühl der Genugtuung geben und grün geprägten Menschen einen Grund zum Protestieren liefern. Letztendlich formen sie jedoch die Brutalität, für die Rot verurteilt wird und sie bestätigen gerade die in Rot herrschende Weltsicht.
Es kommt vor, dass Menschen lediglich in Rot posieren, aus lauter Angeberei oder zum Zweck der Selbstverteidigung. Bei genauerer Prüfung stellt sich dann heraus, dass eine Regression auf Purpur oder sogar vergangenes Beige erfolgt.
Rote Gesellschaften bestehen aus wenigen Reichen, die herrschen und vielen Armen, die nichts zu sagen haben. Reichtum wird ungeniert zur Schau gestellt, weil die Armen durch die wenigen Krumen, die vom Tisch abfallen ruhig gestellt sind. Sollte es dann doch zur Auflehnung gegen die Verhältnisse kommen, werden Exempel an den „schlechten“ Dienern des Regimes statuiert, die gleichzeitig jene motivieren, die danach streben, eine Stufe der Armutsleiter heraufzurücken. Niemand traut sich, des Kaisers neue Kleider zu kritisieren oder den Zauberer von Oz zu sehen. Die verschiedenen Stufen der Armut führen sogar dazu, dass es unter den Armen Klassenunterschiede gibt, die das Verhalten der Reichen nachahmen. Dieses Verhalten bringt Kinder und Jugendliche hervor, die eine ganze Schule tyrannisieren, den Vorarbeiter, der seine Kollegen gnadenlos ausbeutet und den Häuslebauer, der sich selbst in blinder Nachahmung der Besitzenden sein „Schlösschen“ baut und so zum Gefangenen seiner Sehnsucht wird. Bestechungen und Schmiergelder sind zu weit verbreiteten Geschäftspraktiken von Unternehmen geworden (die spanische Mordida, das orientalische Bakschisch). Eine verbreitete Redensart sagt: „Eine Hand wäscht die andere“, ohne dass sich bei der Aussprache dieses Satzes eine Gefühlsregung zeigen würde.
Die Welt in Rot ist handfest, konkret und bestimmt. Man hat lieber Bares in der Tasche als einen Fetzen Papier in der Hand. Blutige Sportarten wie Bärenhatz, Hahnen- und Hundekämpfe oder ritualisierte Stierkämpfe leiten hin zum Gedanken an einen „edlen“ Tod, den man sich in Rot wünscht.
Trotz seiner vielen Erscheinungsformen in menschlichem Elend ist Rot doch ein wichtiger Bestandteil der Entwicklungsspirale. Es ist für sich gesehen weder gut noch schlecht. „Die stolze, kernige und selbstsichere Lebensweise kann viel Kraft und Fantasie geben. Gesundes Rot liebt Spaß, ist kreativ und frei genug, das Leben bis auf den Grund auszuschöpfen und zu genießen. Indem es mit „dem System“ bricht, schafft es Innovationen…. Wie ein Katalysator, dessen Vorhandensein Aktionen und Reaktionen auslöst, führt es der Spirale Kraft zu“ (Zitat aus dem Buch „Spiral Dynamics“ von Beck / Cowan).
Rot geprägte Menschen können sich jedoch selbst nicht objektiv sehen, da das Ego sehr stark ausgeprägt ist. Sobald ihre Ideen in Frage gestellt werden, sehen sie hierin eine persönliche Kritik und gehen in eine Verteidigungsstellung. Hierdurch wird ein ruhiges sachliches Gespräch eher unwahrscheinlich.
Jeder Mensch – und sei er auch mit der Kraft des roten Wertemems ausgestattet – stößt einmal an seine Grenzen. Hierzu sei nur auf das Peter-Prinzip hingewiesen: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.“ Es schleichen sich am Ende doch Schuldgefühle ein und das beherrschende Wertemem klammert sich verzweifelt an seine Macht. Die neu aufgetauchten Probleme können nur noch erahnt werden und es kommt zu der Erkenntnis, dass sie nicht mehr von einem Einzelnen gelöst werden können. Doch bis die notwendigen Konsequenzen gezogen werden versucht die rote Führungsschicht, Moral und Ordnung zwangsweise einzuführen und den auftauchenden blauen Problemen mit neuem Wein und alten Schläuchen den Geist zu vernebeln. Es entstehen formale Regeln und Vorschriften für ein rechtschaffenes Leben, die Grenzen der sozialen Klassen werden überschritten. Die Vorgehensweise ist militant, da nichts weniger verlangt wird, als das Selbst zu leugnen. Nun gibt es als gerecht empfundene Peinigungen für Ungläubige und viel göttliches Befehlebrüllen. Bestrafungen erfolgen prompt, aber nach dem Gesetz statt durch den Lehnsherrn. Wir können König Artus bei seinem Versuch zusehen, ein blaues Wertesystem zu schaffen, oder die Magna Charta als einem der ersten weltlichen Zeugnisse von blauer Ordnung studieren. Ein neuer Gemeinschaftssinn kommt auf und hinterlässt ein Gefühl der Schuld, wenn eigennützige Impulse das Handeln bestimmen.
In der Praxis wirtschaftlicher Unternehmungen kommt es unter der Herrschaft des roten Wertemems zu euphorischen Anfangsphasen neuer Projekte, die jedoch bald scheitern, weil sie nicht wirklich weiterverfolgt werden. Zum Erfolg wäre ein abgestimmtes Zusammenarbeiten in vertrauensvollen Beziehungen und ein langfristiges Planen Voraussetzung. Diese Voraussetzungen sind aber nicht in Rot gegeben. Statt dessen gibt es hier zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer.
Das einsickernde Blau schafft ein unbeständiges Kraftfeld, Blau legitimiert rote Handlungen und Rotverstärkt die blauen Standards. Diese Verbindung hat in der Geschichte zu großartigen wie auch grausamen Ereignissen geführt. Dazu zählen blutige Revolutionen und Aufstände, ethnische Säuberungen und schurkische Polizisten, aber auch die mathematischen und astronomischen Einsichten der Mayas, die Baukünste des alten Ägypten, der innere Antrieb der religiösen Traditionen und jede Menge militärischer und sportlicher Helden aller Nationen.
4. Blau
In Blau herrscht wieder die Bedeutung der Gruppe vor. Der Sinn und der Zweck des Lebens ist nur durch selbstlosen Einsatz zu erreichen. Ordnung und Stabilität ist durch einen göttlichen Plan garantiert, der den Rahmen für den Platz des Individuums bildet und den Maßstab für die Bilanz des Individuums darstellt.
Die Erde ist ein Abbild der Ordnung im Himmel. Das Leben folgt dem vorgegeben Pfad einer gerechten Sache, eines Glaubens, einer Tradition, eines Unternehmens oder einer Bewegung.
In der Entstehungsphase von Blau sind die am Ende von Rot entstandenen Schuldgefühle in das Zentrum des Bewusstseins gerückt. Die egozentrischen Impulse des roten Wertemems sind nun der Erkenntnis von Zeit als wichtigem Faktor des Handelns gewichen. Die noch vorhandenen Einflüsse von Rot üben auf die in Blau entstehenden neuen Verhaltensweisen einen kontrollierenden Einfluss aus. Rot versucht, die „guten“ Entwicklungen in Blau von den „schlechten“ Entwicklungen zu trennen.
Die vielen allzu menschlichen Götter in Rot werden nun durch den einen mächtigen Gott ersetzt, der durch seinen Zorn im Stande ist, die außer Kontrolle geratenen roten Barbaren und Kriegsherren in die Hölle zu schicken oder ihnen das ewige himmlische Leben zu schenken. Die Wirkung dieses Gottes basiert auf den in Blau auftauchenden Fähigkeiten der Selbsthingabe, die in erster Linie die Emotionen im Innersten ansprechen, dann aber doch zu äußeren Wirkungen führen. So wird es möglich, den Menschen zu körperlichen Entbehrungen, Schmerz verursachenden Arbeiten anzuhalten und körperliche Strafen anzudrohen.
In der Entwicklung des Kindes kommt es in der dem Rot entsprechenden Phase zu Experimenten mit moralischen Werten wie gut und schlecht, gerecht und ungerecht, wobei die Hilfestellung durch Bezugspersonen großen Einfluss hat. Etwa um das 10. Lebensjahr herum kann mit ersten Entschlüssen des Kindes gerechnet werden, die einen Bezug zur Erwachsenenwelt und ein entsprechendes Selbstwertgefühl beinhalten. Diese Phase geht einige Jahre später in der Pubertät in die Fragen nach dem persönlichen Sinn des Lebens und der sozialen Rolle über.
In der Pubertät besteht die Gefahr, dass die Lebensbedingungen in einen geschlossenen Zustand geraten. Ist die angenommene soziale Rolle zu eng und die Identität damit zu stark, kann das zu Intoleranz gegenüber Menschen mit anderen Gruppenneigungen führen, die dann im Grunde "eliminiert" werden müssen, weil der Druck der eigenen Peer-Group zu groß wird. Hier kommen dann die noch vorhandenen Spuren von Rot zur Geltung, die dazu führen können, dass der Jugendliche in stärkeres Rot zurückrutscht.
Ähnliche Regressionen kommen in militanten Gruppen wie den radikalen Zionisten, Palästinensern, Neonazi-Skinheads und dem Ku-Klux-Klan vor. Diese nur beispielhaft angeführten Gruppen halten ihre „gerechte Sache“ für die Legitimation zum Einsatz roter Gewalt und sie fühlen sich berechtigt, all jene, die „falsch denken“ zu bekehren oder zu vernichten.
Auf dem Höhepunkt des blauen Wertemems finden sich die „im Glauben Wiedergeborenen“, am Leben verzweifelte Menschen, die einen Neuanfang in verzeihendem Blau gefunden haben. Einer der prominentesten „Wiedergeborenen“ in diesem Sinn ist der 43. Präsident der USA, George W. Bush. Kennzeichnend für Menschen in Blau ist nicht „was“ sie denken, sondern „wie“ sie denken. Daraus ergeben sich Ähnlichkeiten zwischen den inhaltlich unterschiedlichsten Menschen und Gruppen.
Blaue Bewegungen entstehen aus Chaos, Entbehrungen und Leiden, die aus dem vorauf gegangenen Rot oder dem folgenden aber gescheiterten Orange stammen. Es ist eine Art Auffangstation innerhalb der Entwicklungsspirale, die es ermöglicht, neue Quellen der Weisheit und Wahrheit zu erschließen und wo die Menschen dafür gerne autoritäre Strukturen akzeptieren. Gehorsam gegenüber der Autorität ist hier eine treibende Kraft. Es wird erwartet, dass jeder den ihm gebührenden Platz erkennt und dort bleibt und sich nicht mit Bessergestellten verbrüdert. Der Anspruch für die eigene Person verschiebt sich von Selbstausdruck zu Selbsthingabe. Auffälliges Eigeninteresse schließt den Einzelnen aus der Gruppe oder der Gemeinschaft der Gläubigen aus. Spontaneität ist in blauen Gruppen nicht gefragt, an ihrer Stelle ist Folgsamkeit das Prinzip zur Wahrung der absoluten blauen Autorität.
Blau ist die Heimat vieler Fundamentalisten und Orthodoxien. Ihre Lehren sind oft streng, dogmatisch und redundant. Die Durchsetzung gegenüber dem individuellen Denken erfolgt durch gebetsmühlenartige Wiederholungen Desselben.
Die in Rot erstmalig aufgetretenen Schuldgefühle werden in Blau zu Instrumenten der Erziehung – körperliche Strafen in Schulen stammen aus blauem Denken.
Religiöse Gruppen wie die Amish, das chassidische Judentum oder die Shaker belegen, dass die in blau geübte Strenge der Lebensführung nicht zwangsläufig zu einer freudlosen oder lieblosen Haltung führen müssen. Die Freude am Leben ergibt sich, wenn man „dem Weg“ dient und gehorcht. Es ist eine geschichtliche Erfahrung, dass die meisten Menschen einen blauen "Leuchtturm" benötigen, egal ob christlich, konfuzianisch oder weltlich, der ihnen den Weg zum Hafen ihres Lebens weist. Das Fehlen solcher Hilfestellungen in den ersten Entwicklungsphasen führt zu einem Wildwuchs von Eigeninteressen, die das Entwickeln von Führungsqualitäten stark erschweren. Gegenreaktionen auf diese gesellschaftlichen Mängel sind oft strenge blaue Autoritäten ohne Feingefühl, die nicht überzeugen können und die Regression in rote Verhältnisse fördern.
In Blau findet ein permanenter Kampf zwischen den egozentrischen Kräften des Rot und den autoritären Strömungen des Blau statt. Die Folgen können Erleuchtung, ewiges Leben, Vergessen oder unvorstellbare Qualen sein. Übeltäter können nicht darauf vertrauen, bis zum Beweis ihrer Schuld geschont zu werden. Sie müssen sich von ihrem sozialfeindlichen Umfeld öffentlich distanzieren und sich zu ihren persönlichen Verfehlungen äußern – so geschehen z. B. in der chinesischen Kulturrevolution und im Iran. Geheime Sicherheitsorgane und Spitzelsysteme autoritärer Staaten und Großkirchen führen zu einem Klima aus Angst, Denunziation, Verdammung und Exkommunikation. Der Einzelne lebt in ständiger Sorge, ob er nicht eine verborgene Vorschrift verletzt hat; so stirbt die persönliche Freiheit in langem Siechtum dahin.
Auch in demokratischen Gesellschaften machen viele Menschen Erfahrungen überzogenen Blaus. Es sind die Lebensabschnitte nach einer Scheidung oder die wilde Verrücktheit einer Midlife Crisis.
Wenn rot geprägte Menschen blaue Systeme angreifen, zerstören sie Bibliotheken, verbrennen Bücher und zertrümmern Museen, da sie glauben mit den Inhalten dieser Gegenstände würde auch das zu Grunde liegende Denksystem verschwinden. Anders verläuft der Kampf zwischen blauen Systemen, die auf gleicher Augenhöhe kämpfen. Sie gehen selektiv vor, tilgen Ideen mit der Behauptung sie seien nicht korrekt, sie zensieren die Büchereien, ordnen die Fakten, ändern die Häresien und schreiben die Geschichte um.
Die Restauration des blauen Wertemems hat innerhalb der politischen Interessengruppen Konjunktur. Wörter wie „Wiederbelebung“ und „wiederaufbauen“ weisen darauf hin, dass etwas was war, jetzt fehlt und wiedereingesetzt werden soll. An vorderer Stelle stehen dabei Werte wie Familie oder Grundtugenden, die den Charakter bilden. Solch nostalgischer Moralismus kann zu einem vereinfachten Denken führen, in dem das Versprechen zählt, dass allein dem Helden, Märtyrer und Verfechter der „gerechten Sache“ großer zukünftiger Lohn zukommt.
Zu den allgemein akzeptierten politischen Programmpunkten in starkem Blau gehört die allgemeine Wehrpflicht als „Schule der Nation“, in der Verantwortungsgefühl, Disziplin und Wachsamkeit eingeimpft wird. Es verwundert daher nicht, das die Nostalgie der Nachkriegsära des zweiten Weltkriegs auch den Wunsch verstärkt, sich einer gerechten Sache zu verschreiben und dieses vor allem in islamischen Ländern, wo der Einfluss von Purpur und Rot verblasst.
In den zwischenmenschlichen Beziehungen kommt kaum Leidenschaft auf. Gerne werden Fehler bei anderen gefunden; entsprechend handverlesen sind die wenigen eingegangenen Freundschaften. In wirtschaftlichen Beziehungen werden häufig Verbindungen über die Kirchen oder Freimaurerlogen gesucht. Konflikte werden sehr boshaft ausgetragen, da jeder vom Anderen weiß, wie er ihn am Besten verletzen kann.
Im täglichen Leben werden feste Strukturen, exakte Fahrpläne und klare Konsequenzen bevorzugt. Blau lebt vom Absoluten mit Lebensgarantie und metaphysischer Gewissheit. Schwüre, Versprechungen oder Ehrenkodexe sind effektive Instrumente zu deren Beweis. Das Selbstwertgefühl speist sich durch Autoritäten. Zu viel Freiheit und fehlende klare Anweisungen sind belastend, Turbulenzen werden gemieden. Solange man sich auf „das Wort“ verlassen kann, befindet sich die Entwicklungsspirale im Gleichgewicht und es herrscht Frieden.
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Bild: Der Kuss von Gerechtigkeit und Friede (Unbekannter Maler, Antwerpen um 1580; Quelle: Wikimedia Commons) |
In der blauen Idylle erfüllen geduldige Mitarbeiter ihre Aufgaben aus Pflicht gegenüber dem Staat, der Kirche oder dem Unternehmen. Die öffentliche Moral erwartet vom Menschen, dass er einer festen Arbeit nachgeht und nicht dem Müßiggang verfällt. Auf der anderen Seite verschafft Dienen Befriedigung. Glorifizierungen durch Lieder und Marschmusik haben motivierende Wirkung. Das eigene Schaffen wird als Verlängerung der Vergangenheit aufgefasst, die geradewegs an die nachfolgende Generation weitergegeben wird. Blaue Unternehmen haben wenig Platz für Experimente, aber sie haben viel Platz für feierliche Momente. Für blaue Unternehmen wird oftmals im Engagement für die Belegschaft und die Gemeinde eine Verpflichtung gesehen. So sind in vielen Städten Werkswohnungen, Betriebskindergärten, Parkanlagen, Ferienheime und Versorgungssysteme zu finden.
Die geordnete blaue Welt stellt für Menschen mit einem ausgeprägten blauen System eine gute Möglichkeit dar, ihren Seelenfrieden zu finden. Menschen die hier in stabilen Verhältnissen leben, können als „das Salz der Erde“ bezeichnet werden.
Sobald Blau stabile Verhältnisse geschaffen hat, meldet sich das „Ich“ wieder als vorwärts- oder rückwärtsgewandte Tendenz, die für Aufregung in der Entwicklungsspirale sorgt. Jedoch steht es in dieser Ausgangsphase des Blau unter Kontrolle eben dieses Wertemems und nimmt nicht die zügellose Impulsivität des rot ein sondern ist auf das heraufdämmernde Orange als nächstem Wertemem individueller Prägung orientiert. Es stellt sich nun ein Bedürfnis sorgfältig überwachter Autonomie ein. Autoritäten sucht man sich nun zwar noch innerhalb des blauen Systems aber nach individuellen Vorlieben aus. Es tauchen so verschiedene Wahrheiten auf, die sich je nach Wahl in persönlichen Besitz verwandeln und zur Ablehnung der anderen Wahrheiten führen. Dabei handelt es sich oft nur um Nuancen, um förmliche Differenzen, in denen die Positionen voneinander abweichen. Diese reichen jedoch aus, unablässige Unruhe in dem blauen Wertemem zu erzeugen. Schließlich kommt es zu Spaltungen der Konfessionen und Parteien über solche geringen Fragen.
Ähnliche Prozesse laufen am Ausgang von Blau auch im Wirtschaftsleben ab. Statt in Verhandlungen nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen, versuchen die Verhandlungspartner nun, ihre persönliche Position durchzusetzen.
Es bildet sich innerhalb des blauen Systems eine kleine Welt individueller Prägung aus, zu deren Schutz viel Energie und Umsicht eingesetzt wird, um sie dem Zugriff der Autoritäten zu entziehen. Der BLAU/orange Mensch wird so berechnend und es stellt sich zunehmende Bitterkeit über die Beschränkungen in Blau ein. Die beschränkte Freiheit erzeugt eine selbstgerechte Lebensweise, die in ihren weniger angenehmen Ausformungen pompös, aalglatt und selbstzufrieden werden kann, jedoch nicht zum harschen Verurteilen führt. Es ist ein Denken, das sich auch in vielen Kleinstädten zeigt, wo die soziale Kontrolle relativ weit reicht.
Ein Mensch in BLAU/orange tut sich schwer, anderen Menschen aus ehrlichem Mitgefühl zu helfen, oder ihm Fehler zu verzeihen. Was ihn antreibt ist Pflichtgefühl. Man hat einen großen Kreis ehrbarer Bekannter, aber keine Freunde. Außenstehende haben kaum Chancen, die in BLAU/orange geltenden Verhaltensregeln zu befolgen. Im Gegenteil, die selbstgerechte Disziplin stellt sich gerne selbst zur Schau und verdammt die Schwächen anderer Leute. Das Ziel von BLAU/orange ist Perfektion.
Der BLAU/orange Mensch lebt um zu arbeiten. Dieses Arbeitsethos hat sich weitgehend auf die puritanische Arbeitsethik übertragen. Man fühlt sich moralisch verpflichtet, in der Arbeit erfolgreich zu sein; Freude und Entspannung sind dem Leben im Jenseits vorbehalten. Die Produktionsmaxime ist hier auf Qualität statt Quantität ausgerichtet. Einzelanfertigungen und Handarbeit gehören zur Firmenphilosophie und begründen die Firmentradition.
Regelmäßig anzutreffen ist BLAU/orange bei der Feuerwehr fast aller Staaten, vielen Polizeiabteilungen, beim Militär und in den akademischen Elfenbeintürmen ausgeprägter Spezialwissenschaften.
Wer seinen Schwerpunkt in BLAU/orange hat, fühlt sich von Autorität verfolgt, und verfolgt möglicherweise Untergebene wie ein kleiner Tyrann. Die betrieblichen Verhältnisse sind so sehr von Kontrolle und Druck geprägt, dass gewerkschaftliche Organisationen zur Regulierung der Verhältnisse unentbehrlich sind. Stereotypen dieses Wertemems sind der Uhrmacher und der altmodische Versicherungsagent oder die Bankkaufleute, die eine goldene Uhr überreicht bekamen, wenn sie in Rente gingen.
Ein weiterer Stereotyp ist der „kleine Bürokrat“ im unteren Staatsdienst, der die Ebene seiner Kompetenz erreicht hat und nicht zu größerer Komplexität weitergehen kann. Eltern in geschlossenem BLAU/orange erzeugen in ihren Kindern oft Hass und ähneln darin vielen Managern, die sich in ihrer Position verbarrikadieren und autoritäre Machtbereiche schaffen. In dieser Weltsicht erscheint die Existenz gerechter Diktaturen nicht als falsch.
In der Ausgangsphase von Blau werden Anweisungen in dem Streben nach Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und hoher Kompetenz mit hoher Effizienz ausgeführt. Deshalb sind Organisationen wie das Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariter-Bund von diesem Wertemem abhängig.
Die Bewertung angemessener Autorität verlagert sich schließlich in den eigenen denkenden Verstand zurück.
BLAU/orange hat innerhalb der Gesellschaft die Funktion eines kollektiven Gewissens. Wenn die von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Vergehen nicht abgestellt werden sorgt dieses Wertemem dafür, dass die Verantwortlichen der strafenden Autorität zugeführt werden.
In BLAU/orange gibt es eine trickreiche Methode, Führungspersonal zu legitimieren, indem man es zu Märtyrern hochstilisiert. Zunächst erscheint der selbsternannte Märtyrer, der für seinen Frevel am „System“ vom „Establishment“ bestraft wird, um dann wie Phönix aus der Asche wieder auf der Bühne der Öffentlichkeit zu erscheinen und als bedeutsamer Vordenker zu gelten. Daher ist BLAU/orange auch die Heimat der Demagogen und Propagandisten.
Der in der Endphase von Blau stattfindende Wandel kann sehr turbulent ausfallen, da der Wandel von der Spitze der Hierarchie ausgeht und zur Aufspaltung der Anhängerschaft an der Basis führt. Es tauchen Fragen nach der rechtmäßigen Autorität und nach der Wahrheit auf und es entstehen vermehrt Schuldgefühle. Es ist der Zustand, in dem ehrgeizige Unternehmer und Nachwuchspolitiker aktiv werden und die Chance haben, mit Hilfe des ansteckenden Enthusiasmus von Orange Alternativen zum bisherigen System einzuführen.
5. Orange
In der europäischen Geschichte taucht Orange mit der Renaissance auf. Durch die Erfindung des Buchdrucks werden Informationen nicht nur für eine eingeweihte Priesterkaste verfügbar, sondern es beginnt eine Buchproduktion, die den Inhalt der heiligen Texte auch der Masse der Bevölkerung zugänglich macht. Es entsteht ein Verlangen nach Informationen, die für die Stärkung der inneren Kräfte im Ego von großer Bedeutung ist und bis in die Gegenwart anhält. Eine Vielzahl technischer Möglichkeiten zur Verbreitung der Informationen und eine Spezialisierung der Inhalte haben zu einer riesigen Medienmacht geführt, die im Bezug auf die Presse auch als „vierte Gewalt“ bezeichnet wird. Damit verbunden sind enorme Machtkonzentrationen in den Händen weniger Medienkonzerne.
Für die Entwicklung der Ich-bezogenen Kräfte ist die Abteilung „Selbsthilfe“ des Medienangebots von besonderer Bedeutung. Waren es in Blau noch die Autoritäten, die den rechten Weg zu einem gerechten Leben innerhalb des Kollektivs zeigten, sind es nun die mit klangvollen Funktionen und Titeln versehenen Experten in Ratgebersendungen und Talkshows, die man sich nun je nach Belieben kaufen kann, getreu dem Frank Sinatra Titel „I did it my way“. Das Angebot reicht von Tips zur Überwindung der Einsamkeit und wie man den Po strafft bis hin zu komplexen Themen „Wie mache ich mehr aus mir“. Zunächst ist die Erweiterung des persönlichen Freiheitsraums noch mit Schuldgefühlen belastet, die aus dem vorangegangenen Blau stammen. Das Voranschreiten zu Orange kann daher nur in Rücksicht auf die Anderen soweit erfolgen, wie es nicht deren Zorn erweckt. Das Verhältnis zu den Autoritäten ist zwiespältig – sind sie abwesend, äußert man sich abfällig über sie, sind sie anwesend, begegnet man ihnen respektvoll.
Für das Wertemem Orange sind fünf Kräfte bestimmend: Marktwirtschaft, die Bildung von Nationalstaaten, die Einführung einer relativistisch verengten wissenschaftlichen Methode, die gesellschaftliche Durchdringung der Technik und der Aufstieg des Individuums. In diesen Möglichkeiten lag das Versprechen, die in Blau nicht zu beherrschenden Schicksalsschläge wie Krankheiten, Missernten und Armut, Feuersbrünste und die Erpressung durch Feudalherren zu beheben. Sollte dieses auch nicht für alle möglich sein, so bestand doch für die Individuen eine Hoffnung auf diesen Erfolg. Die dem Orange vorangegangenen Wertememe Blau und Rot stellen die Überzeugung bereit, dass das Leben einen Sinn hat und der Wunsch für das eigene Selbst in Erfüllung gehen kann. So strebt das unterdrückte Selbst nach Freiheit und danach, die Barrikaden einzureißen und es entschuldigt sich anschließend für den dabei entstandenen Lärm. Empowerment und Anspruchsdenken werden zu wiederkehrenden Themen.
In der Eingangsphase von Orange kommt es zu ersten tastenden Versuchen, der Autorität offen Paroli zu bieten. Teenager sind von dieser Phase grundlegend beeinflusst und erproben ihre Freiheit gegenüber den Eltern. Der Streit am Gartenzaun ist durch blau/Orange beeinflusst und wird vor dem Zivilgericht ausgetragen. Wenn Rückschläge auf dem Weg zu Orange erkennbar werden oder auch nur vermutet werden, kann starke Wut entstehen, die bei etwas stärkerem Einfluss von Rot in konkrete Forderungen mündet.
Die Eingangsphase von Orange ist wesentlich von den Einflüssen, die von Blau und Rot nachwirken abhängig. Sind sowohl blaue wie rote Einflüsse in einem ausgewogenen Verhältnis vorhanden, vollzieht sich ein wenig spektakuläres, persönlich entschiedenes und durch Blau kontrolliertes Eintreten in Orange. Diese Konstellation ist besonders wichtig, wenn rot dominierte Jugendliche in der Entwicklungsspirale zu Orange weiter gehen. Allgemein nimmt der Eintritt in Orange eher einen feindseligen, unberechenbaren und explosiven Ausdruck an, der in Form selektiver Interpretationen und Manipulationen von Fakten und sarkastische Bemerkungen ausgelebt wird. Das Motto dieser Phase lautet: „Sag immer die Wahrheit – aber die ganze Wahrheit muss man nicht immer sagen“. In der Geschäftswelt gilt: „Wer nichts riskiert, gewinnt nichts“. Dieses Motto markiert den Beginn des Industriezeitalters und wird heute noch repräsentiert durch den cleveren Kaufmann, den kaltblütigen aber verantwortungsbewussten Projektleiter oder den Kapitalisten im Nadelstreifenanzug, der sonntags ehrerbietig seinem blauen Anteilen auf der Kirchbank huldigt.
Blau/Orange hat Konjunktur, seit die blauen Systeme des real existierenden Sozialismus und des Rassismus zusammengebrochen sind und nun mit großer Geschwindigkeit und großer wirtschaftlicher Macht nach Orange voranschreiten.
Das in Orange charakteristische Streben nach Autonomie und das hohe Risiko des Scheiterns führen zu Entlastungsstrategien, die sich auf die zurückgebliebenen Kräfte des Blau stützen. So kann die Schuld am Scheitern sehr leicht auf andere geschoben werden. Manager statten ihre Mitarbeiter mit unwichtigen Befugnissen aus und bedienen sich selbst in einem System gegenseitiger Vorteilsgewährung innerhalb der Führungsetage des Unternehmens ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation desselben. Diese ungesunde Ausprägung des blau/Orange Wertemems bezieht auch die Führer von Gewerkschaften ein, die in den Aufsichtsräten über die Gewährung von Zuwendungen mit entscheiden.
Die Grundlage der neu aktivierten Ich-Entwicklung ist ein Elitedenken, welches die in Blau zu sehende Zufriedenheit zielgerichteter Gemeinschaften in den Schatten stellen muss, um sich selbst zu rechtfertigen. Hieraus resultieren zwischenmenschliche Distanz, kritisches und anspruchsvolles Verhalten und die Selbstbeweihräucherung durch Jasager. Die Aufmerksamkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen ist allein vom Eigeninteresse gelenkt, so dass sich Menschen in blau/Orange schnell gelangweilt fühlen und sich schnell ablenken lassen. Entsprechende Verhaltensweisen finden sich bei Eltern, die ihren Kindern eine „Audienz“ gewähren.
Eine sehr hilfreiche Funktion hat blau/Orange dort, wo es seinem Ursprung entsprechend um die Initiierung und Entwicklung von Ideen und Neugründungen geht. Hier gilt: „Freude beschert die Jagd, nicht der Fang“. Als förderlich kommen dabei Motivationsseminare, „Hilf dir selbst“-Literatur oder enthusiastische Vertriebskonferenzen in Betracht. Damit aus Ideen erfolgreiche Projekte werden, bedarf es jedoch der Hilfe aus anderen Bereichen der Entwicklungsspirale.
Anhaltend angestrengtes, erfolgsorientiertes Verhalten kann zu Stress-Erkrankungen führen. Die Denk- und Lebensweise in blau/Orange ist daher in hohem Maße ungesund, wie sich in Japan und den asiatischen Tigerstaaten nachweisen lässt.
In blau/Orange ist die eigene Identität noch nicht so weit ausgeprägt, dass man die Meinung anderer vollkommen negiert, jedoch steht dieses Bewusstsein in Konkurrenz zu dem starken Bedürfnis, die Masse zu führen. Es ist die Denkweise von Menschen, die sich dem Lebensstil vornehmer Vororte mit bewachten Wohnkomplexen nähern. Dieses kann als Folge der aus anderen Bereichen der Entwicklungsspirale entstehenden Rebellion gegen dieses Wertemem verstanden werden. Doch ficht das blau/Orange nicht an, denn es hat gelernt, dass man sein Handeln rechtfertigen muss, dass es aber sehr leicht sein kann, eine gute Entschuldigung für sein Handeln zu finden, sobald sich die Zehn Gebote in Anregungen verwandeln.
Der Rest von Opposition zu den blauen Autoritäten verliert sich auf dem Höhepunkt von Orange schließlich ganz. Das moderne Leben baut auf der Gewissheit auf, dass der Einsatz menschliche Kraft sparender Maschinen geistiges Potential für bessere Dinge freisetzt. Es gipfelt in dem Verlangen, der Natur ihre letzten Geheimnisse zu entreißen und zur Verbesserung des Lebens auf der Erde einzusetzen. So vielfältig sich die Natur darstellt, so vielgestaltig sind die Ergebnisse der menschlichen Bemühungen, dieses Ziel zu erreichen.
Je weiter dieser Prozess fortschreitet, desto mehr Entdeckungen und Entwicklungen geschehen gleichzeitig. Es findet so eine Verschiebung vom linearen Zeitempfinden hin zu einem polychronischen Zeitempfinden statt. Wichtige Ereignisse können nun gleichzeitig stattfinden. Hierdurch wird es auch möglich, „mehrere Eisen gleichzeitig im Feuer“ zu haben. An den Börsen der Finanzwelt hat diese Möglichkeit wesentliche Bedeutung gewonnen.
Mit den Autoritäten ist nun auch der Glaube an die Dogmen verschwunden. Die wissenschaftliche Methode und ihre ständige Überprüfung an den realen Ergebnissen haben zum Denken in Möglichkeiten geführt. Die Bilanz heißt Erfolg, der am Individuum gemessen wird und in dem Sparkassen-Werbespruch „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ die zugehörigen Statussymbole aufzeigt. Einen Platz für Schuldgefühle kann es da nicht geben. Sympathie kann es selten, Empathie jedoch gar nicht geben. Aus einer anderen Perspektive betrachtet erscheinen Menschen in Orange materialistisch und erwerbssüchtig – Spieler, für die der zweite Platz der erste unter den Verlierern ist. Global betrachtet ist der Höhepunkt von Orange in den USA mit ihrem ungehemmten Privatkonsum, der privaten und staatlichen Überschuldung, den abenteuerlichen Anlagestrategien der Banken und dem enormen Außenhandelsdefizit überschritten.
Orange taucht in Personen oder Gruppen auf, die jede sich bietende Gelegenheit nutzen, sich ein bequemes Leben zu machen. Fehlschläge werden schnell zur Feinjustierung der Strategie benutzt, Ereignisse und Personen, die hilfreich sein können werden beeinflusst, Analysetechniken für optimierte Lösungen werden in großem Umfang eingesetzt und komplexe Entscheidungen werden aufeinander abgestimmt. Dieser Pragmatismus findet sich in allen Lebensbereichen: Materialismus wird dem Spiritualismus vorgezogen, Prinzipien sind für andere gut, schnelle Siege sind langfristigen Garantien vorzuziehen. Es zählt was funktioniert. Außer Wachstum und Expansion ist wenig heilig, ethische Vorstellungen werden auf der Jagd nach schnellem Wohlstand leicht übersehen.
In Orange wird kurzfristig gehandelt, langfristige Planung widerspricht dem Zeitempfinden, das dem Ablauf der persönlichen Lebensuhr gleichgeschaltet ist und wird deshalb oft umgangen. Planung ist daher eher strategische Planung zugunsten kurzfristiger spektakulärer Projekte. Man will schließlich auch der Konkurrenz um eine Nasenlänge voraus sein.
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Bild: Michael Schumacher nach dem Sieg (Quelle: Wikimedia Commons) |
Das Leben in Orange besteht aus einer Reihe von Kurzfassungen, markanten Sprüchen und schnellem Zupacken. Trotz der Beteuerung von Individualität und persönlicher Freiheit bleibt es jedoch Imitation. Das Äußere ist oft mehr als das Wesen. Der Mensch am Steuer des S-Klasse Mercedes wird zum selbsternannten VIP und Höflichkeit wird von Konkurrenz verdrängt. Diese Fassade ermöglicht es Menschen, die unter dem dominierenden Einfluss des roten Wertemems stehen Orange mit Waren zweifelhafter Herkunft zu versorgen.
Obwohl die Babys von Eltern in Orange der Mittelpunkt ihres Universums sind übernehmen diese Kinder nur selten die Werthaltung ihrer Eltern. Umgekehrt können in einem Kind aus einem verarmten Elternhaus, in dem das Kind Belohnung für Fleiß, eigenständiges Handeln und Selbstvertrauen lernt, orange Fähigkeiten geweckt werden. Auf der ganzen Welt finden sich heute die Statussymbole von Orange in den wohlhabenden Vororten der Megastädte in Form von Fertighäusern mit Mini-Pool und Mikro-Vorgarten sowie Zweitwagen für den Einkauf auf der „grünen Wiese“. Mobilität ist Teil des Image wie das Streben, mehr zu haben als der Nachbar zum Spiel in Orange gehört. Auch dort, wo es gilt Verantwortung zu tragen, ist Orange auf Grund seiner Überzeugung, größere Fähigkeiten zu besitzen als andere, immer vorne dabei. Wenn es dann auch schief geht, ficht das Orange nicht an. Das Selbstbild des orange geprägten Menschen ist unerschütterlich. Dabei stützt er sich auf eigene Entdeckungen und Beobachtungen und im Zweifelsfall werden gegenteilige Informationen durch Anzweifeln der Quelle neutralisiert. Wer sich auf einen Disput mit Orange einlässt muss ihn mit vollem Einsatz führen, damit er als Gegenpart akzeptiert wird und eine Chance in dem Kräftespiel bekommt.
Für Menschen in Orange ist das Leben eine Reihe von Manövern mit Spionage, Beziehungen und Verbündeten. Konkurrenten werden beobachtet, ausgetrickst und abgehängt. Die Gefahr für Orange besteht darin, dass es in diesem Spiel seine Kräfte überschätzt, zu viele Eisen gleichzeitig im Feuer hat und mit den angewandten Tricks auffliegt. Als Rettungsstrategie greift Orange dann auf Einschüchterung und Schuldzuweisungen zurück, wobei die eigene Weste weiß gewaschen wird. Wem würden hierzu nicht auch eine Reihe von Politikern einfallen? Für sie ergibt sich nach einer solchen verlorenen Schlacht nicht zwangsläufig die Konsequenz, aus dem Spiel auszusteigen, sondern sie analysieren ihre Niederlage und stürzen sich als bessere Kandidaten wieder ins Schlachtgetümmel. Magengeschwüre, Scheidungen und Herzinfarkte gehören schließlich zu den Schattenseiten einer solchen Existenz.
Zwischenmenschliche Beziehungen gründen auf oberflächlicher Zuneigung, wobei die Nützlichkeit im Vordergrund steht. Empathie gilt unter diesem Vorzeichen als schädlich und wird verachtet, da nur gleichwertige Partner, die auf eigenen Füßen stehen, akzeptiert werden. Menschen, die unproduktiv werden, müssen aus orangener Sicht wie veraltete Maschinen ausrangiert werden. Da die Basis zwischenmenschlicher Beziehungen sehr dünn ist, wird Vertrauen als gefährlich angesehen. Hierbei werden die eigene Unberechenbarkeit und ihre Motive auf andere projiziert. Überhaupt haben solche Menschen Schwierigkeiten, den Blick von sich selbst abzuwenden und tiefere Gefühle der Zuneigung zu anderen Menschen zu entwickeln.
Zu den Schattenseiten von Orange gehört, dass es am Gewissen fehlt. Menschen in diesem Wertemem können in einer subtilen Weise skrupellos sein und anderen Leid zufügen, wobei sie ihrem Handeln noch eine positive Begründung beifügen. Es kommt jedoch nie zur rücksichtslosen Gewaltanwendung, wie sie in Rot charakteristisch ist. Emotionen werden in Orange aus pragmatischen Gründen kontrolliert geäußert, da offen geäußerte Gefühle andere abstoßen könnten.
Die Stärken von Orange liegen in der Gründung riskanter Unternehmungen, wie sie heute an den Börsen der Welt geläufig sind. Das Streben nach Verbesserungen und Neuem führt häufig zu sozialem Wandel und wirtschaftlichem Fortschritt. Das Motto für die eigenen Unternehmungen lautet: „Fakten, nichts als Fakten“. Auf den Rat anderer kann dabei gerne verzichtet werden. So entsteht die Selbsttäuschung vollkommener Autonomie.
Zu Orange gehört die tiefe Überzeugung, dass jeder selbst für sich verantwortlich ist. Der Beste wird Erfolg haben und hat dadurch die Berechtigung, andere für seine Zwecke zu benutzen. Er wird dabei unausweichlich den Gewinn bis zum ärmsten Glied in der Gesellschaft nach unten weitergeben, so dass Armut nur relativ erscheint. Aus dieser Theorie wird es verständlich, dass in Orange eine Abneigung gegen Sozialprogramme besteht und Arbeitsprogramme statt Anspruchsberechtigungen propagiert werden.
„Der große Verdienst dieses Wertemems liegt darin, dass es die Mutter der Moderne ist. Dem Einzelnen hat es Befreiung, Technologien und die Bereitschaft, Ideen zu erforschen, gebracht. Allerdings ist es auch die Quelle der problematischen Lebensbedingungen, die zu den Fragen führen, ob Regierungen funktionieren, wie Milliarden von Menschen mit einer vernünftigen Lebensqualität koexistieren können und wie die Erde ein Konsumniveau, wie es derzeit herrscht, verkraften kann.“ (Zitat aus Beck/Cowan: „Spiral Dynamics“)
In der Ausgangsphase von Orange machen sich plötzliche schmerzhafte Gefühle von Einsamkeit bemerkbar, die den beginnenden Einfluss des sozial orientierten Grün anzeigen. Aus der reinen „Ich“-Perspektive wird nun eine „Ich und Du“ Perspektive. Nun werden die Bedürfnisse anderer Menschen echt gefühlt und das führt zu Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der eigenen Person: Man sorgt sich um die Zufriedenheit der anderen. Vereinzelt kommt es projektbezogen nun auch zur Bildung von Teams. In der Geschäftswelt ermöglicht Orange/grün sehr erfolgreiche Zusammenarbeit in komplizierten Situationen. Es ist die Mentalität geschickter Leute, die es auch in nahezu ausweglosen Situationen schaffen, etwas zu besorgen und die denen ein gutes Gefühl geben, die es ihnen gegeben haben. In diesem Wertemem kommt es zu dem scheinbar paradoxen Phänomen des Stockholm-Syndroms, wo die Opfer eines Verbrechens möglicherweise kein Interesse daran haben, gegen die Täter auszusagen.
Innerhalb der Phase Orange/blau verfeinert sich die Fähigkeit, in den Gemütsregungen anderer Menschen zu lesen und diese entsprechend der kühl berechnenden Fähigkeiten in Orange mit Blick auf die Verwertbarkeit der eigenen Ziele zu nutzen. Man mag die Nähe andere Menschen zwar noch immer nicht, doch setzen sich die aus Grün einstrahlenden neuen Möglichkeiten durch. Eine typische Situation liegt für diese Phase in Olympischen Dörfern vor, wo Mannschaftskameraden um Medaillen konkurrieren, während sie einander gleichzeitig für den Sieg der ganzen Mannschaft anfeuern.
Gefühlsäußerungen und Selbstdarstellungen wirken in der Ausgangsphase von Orange oft gekünstelt, obwohl man wirklich nett sein möchte. Doch Authentizität ist mehr als nett zu sein und darum besteht eine Vertrauenskluft zwischen dem Selbst und den Anderen, die in Orange gar nicht empfunden worden wäre und die nun durch soziale Forschungsinstrumente überbrückt werden muss. In der Politik entsteht in dieser Phase das Social Engineering um ganze Sozialschichten gemäß den Plänen der besten und klügsten Leute entstehen zu lassen. Die grünen Aspekte sorgen dabei für die Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer Menschen. Allerdings gelingt es nur selten die erweckten Hoffnungen der Menschen zu erfüllen und es entsteht oft ein Eindruck der Irreführung.
In der Schule trifft man Orange/blau in Person des Lehrers, der in jedem Kind eine Spezialbegabung sieht und diese entwickeln will, auf dem Sportplatz ist es der hervorragende Trainer und in Unternehmen der wohlmeinende Mentor. Es bleibt jedoch immer eine gewisse Distanz in diesen Beziehungen bestehen. Die beteiligte Warmherzigkeit ist an Bedingungen geknüpft, da sich Menschen immer noch verletzlich fühlen und möglicherweise verschanzen, wenn andere zu viel über sie wissen wollen.
Typische Strategien in Orange/grün sind der selektive Umgang mit der Wahrheit, um alle bei Laune und verträglich zu halten, sich als armes, missverstandenes Opfer hinzustellen oder wütende Enttäuschung zu zeigen, wenn Sozialprogramme nicht zum Ziel führen. Die dabei entstehende Frustration kann allerdings tatsächlich überwältigend sein.
6. Grün
Mit dem grünen Wertemem wird die letzte Phase der kollektiven Entfaltung innerhalb der ersten Ordnung in der Evolution erreicht. Es ist der Gipfel der Primatennatur des Menschen. Im Vordergrund stehen Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühle, die Erforschung der eigenen Gefühle im Zusammenwirken mit den Gefühlen anderer. Entscheidungen werden im Konsens der Gemeinschaft gefällt, materielle Güter werden mit anderen geteilt, Gier und Dogmen werden abgebaut. Die Harmonie der Gruppe wird durch neu erweckte Formen der Spiritualität hergestellt.
In Grün besteht im Universum eine beständige Ordnung, die es jedem der dafür offen ist, die Teilhabe daran ermöglicht. Der Sinn des Lebens wird unter der Prämisse gesehen, dass alle gleich und wichtig sind. Alle Menschen streben nach Liebe und Entfaltung des Lebens in der Gemeinschaft. Es entstehen Synergieeffekte, die das innere und äußere Wachstum aller Mitglieder der Gesellschaft fördern.
Grün ist die Weiterentwicklung des ebenfalls kollektiv ausgerichteten Blau. Jedoch wird der in Blau herrschende Absolutismus abgelehnt. Die in Grün herrschenden Regeln sind sehr viel elastischer und weniger scharf. Sie werden nur von denjenigen als streng empfunden, die sich nicht an die Kommunikationsregeln anpassen können und zuviel persönliche Unabhängigkeit einfordern.
Grün kommt bei den Gewinnern in Orange zum Tragen, wenn das individualistische Orange an seine Grenzen gelangt ist und der Preis hierfür in Form von enormen gesellschaftlichen Ungleichgewichten, ökologischen Katastrophen und psychischen Störungen bilanziert wird. Manipulationen werden nun unter dem Einfluss von Grün in der Eingangsphase von Gewissensbissen begleitet.
Jene, die als Verlierer in Orange dastehen fordern unter dem beginnenden Einfluss von Grün eine Gesetzgebung zum Wohle der Gemeinschaft und zur Unterstützung der Unterdrückten und Hilflosen.
Die persönliche Zufriedenheit in Grün hängt von der Aktivierung und Entwicklung verkümmerter Fähigkeiten wie Intuition und Einsicht sowie empathisches Zuhören ab. Am Arbeitsplatz zeichnen sich grüne Unternehmensstrukturen durch häufige Fortbildungen der Mitarbeiter und die Lektüre von Büchern, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen, Sensibilität und Bewusstsein für kulturelle Unterschiede befassen aus. Entsprechend verändert sich der Begriff vom Unternehmertum weg vom Bedürfnis nach „Erfolgen um jeden Preis“ hin zu Menschlichkeit und umfassender Harmonie. Unternehmen leisten sich nun den „Luxus“ des Antimaterialismus, weil die Lebensbedingungen des Orange nun für alle gewährleistet erscheinen. Statt „Krieg“ als Metapher für die Wirtschaft zu verwenden sprechen Manager zunehmend von „Familie“ oder „Stamm“, ein neuer Anglizismus wird geboren: „Empowerment“. Themen des Lebensstils, unternehmerische Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement werden zunehmend öffentlich diskutiert und fließen in politische Programme ein. Diese Bemühungen scheitern jedoch, wenn sie zu blauen Bedingungen durchgeführt werden. Gewerkschaften und Unternehmer wandeln sich von Gegnern zu Partnern, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
In der Eingangsphase von Grün ist der Unternehmer immer noch als entscheidende Persönlichkeit vorhanden, er benötigt jedoch einen Unterstützerkreis, der die in einem Unternehmen erforderlichen Spezialfähigkeiten wie Marketing (Orange) und Buchhaltung (Blau) gewährleistet. Andernfalls kann es vorkommen, dass die zwischenmenschliche Dynamik im Unternehmen auf der Annahme beruht, die Produktivität sei eine Folge der Harmonie und deshalb sei sie das Zentrum der Unternehmenskultur.
Im beginnenden Grün besteht noch keine Bereitschaft, sich vollständig einzulassen. Das orange geprägte Bedürfnis nach Kontrolle beschränkt die Offenheit und das Vertrauen, die für Grün bestimmend sind. Deshalb hält man sich immer noch ein paar persönliche Möglichkeiten offen. Die Motivation, die zu grünem Verhalten führt, kann aus verschiedenen Richtungen kommen: Gute grüne Taten werden ausgeführt, um akzeptiert zu werden, Orange kann in grünen Kleidern auftreten, gut geschultes Rot, dass ein grünes Aussehen annimmt kann sich einschleichen, um seine Ziele zu erreichen.
Orange/GRÜN ersetzt die Gewissheiten blauer Wahrheit und oranger Erfahrungen aus Versuch und Irrtum durch Relativismus. Diese auf den Kontext setzende Haltung von Grün beunruhigt das fest umrissene Blau und ungeduldiges Orange. Der grüne Relativismus zeigt sich auch in der Sprache. Gedanken werden modifiziert, wattiert und mit wortreichem Dialog versehen, der viel Raum für Reinterpretationen lässt.
Mit der Rückkehr des Kollektivgedankens regt sich die in Blau verlorene Sehnsucht nach einem höheren Sinn, der zu gewöhnlich war, erneut. Das Leben beginnt, sich auf die Suche nach der Erleuchtung durch einen geistigen Lehrer oder Praktizierenden der einen oder anderen Heilmethode zu begeben. Hierzu gehört auch der Gebrauch „bewusstseinserweiternder“ Drogen als Option, um das Universum zu berühren. In Orange/GRÜN kann man stecken bleiben und von Guru zu Guru wandern und eine Gipfelerfahrung nach der anderen haben, man bewegt sich jedoch nicht in der Spirale voran.
Neben den humanistischen Anliegen in beginnendem Grün kommt der Weckung eines ökologischen Bewusstseins große Bedeutung zu. Die Regulierung unkontrollierten Wachstums und der Schutz bedrohter Arten stehen am Anfang der Prioritätenliste. Schwierigkeiten treten auf, wenn orange geprägte Politiker die entsprechenden Gesetze aushandeln und Menschen in Blau deren Umsetzung zu einer Religion machen.
Auf seinem Höhepunkt beginnt die Gruppe in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit, mit der Orange verblasst, ein Eigenleben zu führen. Die kollektivistischen Qualitäten in Purpur (blutsverwandte Stämme) und Blau (doktrinäre Strukturen) sind dem Grün fremd. Dennoch stehen die synergistischen Energien kollektiver Strukturen wieder in vollem Maße zur Verfügung, um die in Orange entstandenen Ungerechtigkeiten auszugleichen und die Ressourcen neu zu verteilen.
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Bild: (Quelle: Wikimedia Commons) Menschengruppe |
Arbeitsplätze in grünen Unternehmen sind teamorientiert. Entscheidungsprozesse werden ausführlich diskutiert, jeder kann seine Gedanken einbringen. So werden vielleicht Zustimmungsraten von 70% erreicht, die sich jedoch in 100-prozentigem Einsatz für die einmal getroffene Entscheidung bezahlt machen. Der Erfolg solcher Prozesse hängt davon ab, dass halbwegs intelligente und interessierte Menschen mit Zugang zu brauchbaren Informationen an dem Prozess beteiligt sind.
Das in fortgeschrittenem Orange entstandene Gefühl der Einsamkeit und der Isolation durch das Konkurrenzdenken und den Zwang, allen einen Schritt voraus zu sein, kann in Grün durch Aufhebung der Ursachen zumindest teilweise ausklingen. Das von Purpur überdauerte Bedürfnis nach Zugehörigkeit erleichtert es, sich neuen Gemeinschaften anzuschließen und so Unterstützung zu bekommen.
Menschen in Grün können in ihrer Forderung nach Aufgeschlossenheit sehr rigide sein und sind recht schnell bereit, für die Befreiung der Unterdrückten und Menschenrechte Krieg zu führen. Die aus Grün hervorgehenden Vorschläge, Proteste, Sanktionen und friedenserhaltenden Maßnahmen haben allerdings gegenwärtig kein in Blau gründendes politisches Fundament oder eine grundlegende orangene Strategie.
Unter dem zunehmenden Einfluss von Grün lösen sich starre Geschlechterrollen auf, Minderheiten werden aktiv gefördert und Klassenunterschiede verschwinden. Da grüne Autorität innerhalb der Gruppe liegt und sich nicht aus äußeren Quellen speist, sind Vergleiche mit anderen weniger relevant. Wettbewerb findet zwischen Gruppen um finanzielle Leistungen statt, die innerhalb der Gruppe verteilt werden, und nicht, um persönlich Beifall zu ernten.
Die Kleiderordnung in Grün hebt sich deutlich von den militärartigen Uniformen in Blau oder den maßgeschneiderten Top-Moden von Edelmarken in Orange ab. Es kommen häufig Parodien „korrekter“ Kleidung vor, die darauf abzielen, blaue Autoritäten vorzuführen (z. B. T-Shirts zum Frack, mit der Nationalfahne bedruckte Hosen).
Das in Grün geforderte Gruppendenken kann für den Einzelnen extrem sein und dazu führen, dass man Handlungen, die man unter diesem Einfluss ausführt später, wenn andere Wertememe wieder mächtig werden, bedauert. Eine weitere Verwundbarkeit besteht durch kollektive Schuldgefühle. Sie tauchen in der Wirtschaft auf, wenn Mitarbeiter entlassen werden und die Gemeinschaft aufgesplittert wird. Diese Schuldgefühle betreffen sowohl diejenigen, die bleiben, wie diejenigen, die gehen. Ein anderes Extrem in Grün ist das Burnout-Syndrom, welches gehäuft im Gesundheitswesen, im Bildungssystem und in der Strafverfolgung auftritt. Demgegenüber steht die Fähigkeit zu gesteigerter Empathie, die hervorragende Kundenbeziehungen im Einzelhandel und sehr gutes Verhalten gegenüber Kranken im Gesundheitswesen schafft. Solche Eigenschaften werden oft durch individuelle eliteorientierte Wertememe ausgenutzt, so dass der zynische Spruch “Wer nett ist, hört als letzter auf“ durchaus der Realität nachempfunden ist.
Diskussionen in Grün lösen Konflikte, führen zu Konsens und stärken das Zugehörigkeitsgefühl jedes Einzelnen, während man in Orange gerne diskutiert, um zu gewinnen, und in Blau für seinen Glauben einsteht. In Grün gibt es eine reichhaltige Kommunikation mit Geplauder, (nicht heimtückischen) Gerüchten und informellen Netzwerken. Der Anspruch, dass alle das Recht hätten, alles zu wissen, kann allerdings in manchen Fällen zu Sicherheitsproblemen führen.
In Grün ist man wenig dogmatisch – viele Glaubensvorstellungen sind ziemlich akzeptabel und keine Wahrheit hat als absolute Wahrheit lange Bestand – aber sehr rigide. Meinungsverschiedenheiten werden nur so lange toleriert, wie man sich ihnen auf grüne Weise nähert, mit vollendeter Höflichkeit und durch das Kollektiv. Ein energisches oder aggressives Auftreten wird nicht akzeptiert und führt zu entrüsteten Reaktionen in der grünen Gruppe. Das kann nur jene schockieren, die naiv genug sind, Grünsein mit Weichheit und bedingungsloser, alle einschließender Liebe gleichzusetzen.
Weitere interessante Charakterzüge von Grün sind Beeinflussbarkeit, Herzlichkeit und Beständigkeit. Freiheit gilt nur so weit, wie die Gruppe sie für angemessen hält.
Grün glaubt an den Wert, der sich ergibt, wenn unterschiedliche Menschen zusammen kommen. Jeder ist hierbei von Bedeutung im Bezug auf die Situation, nicht aufgrund seiner Geschichte oder eines bestimmten Erbes. Seine einzigartigen Beiträge wie Sprache, Bräuche, Werte und Lebensweisen verbessern das Ganze. Mit intensiver werdendem Grün wächst die Tendenz, Menschen aus geordneten Hierarchien herauszulösen und in Gruppen von Gleichrangigen mit gemeinsamen Möglichkeiten und wenigen Urteilen zusammenzubringen.
Wirtschaftlicher Aufstieg kommt der gesamten Gruppe zu Gute. Die Gesellschaft wird durch die Zusammenarbeit von Gruppen verbessert. Charakteristische Formen hierfür sind soziale Netze, Programme, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht und vergesellschaftete Gesundheitssysteme.
In Grün hat das Einfache Vorrang vor dem Ausgefallenen, jedoch geschieht dies mit dem Ernst des Opferns. Der Mensch in Grün will genug, um seine Arbeit zu erledigen, er lehnt jedoch zur Schau getragenen Überfluss und Erfolg ab. Sein Ziel ist, etwas mit weniger Aufwand, Energie und Ressourcen zu tun und materielle Belastungen abzulegen. Diese Haltung könnte auch als „Freude eines minimalistischen Lebens“ bezeichnet werden. Im Extremfall kann das grüne Vertrauen auf die inneren Fähigkeiten des Menschen zu einem kollektiven Hochmut führen, der besagt: „Jeder von uns kann alles sein, was er will. Wir verfügen über ein grenzenloses Potenzial. WIR sind die Nummer eins!“ Getreu diesem Wahlspruch investieren grün geprägte Menschen oft endliche Ressourcen in gesellschaftliche Verlierer und Aufgaben, die „nichts bringen“. Wenn grün geprägte Menschen vorschlagen, dass alle etwas für einen gemeinsamen Vorteil aufgeben, ist daher zunächst zu prüfen, wie die Verantwortlichkeiten geordnet sind und ob ein konkretes Ergebnis zu erwarten ist. Viele große Pläne verwandeln sich in schwarze Löcher, die weder Zeit noch Energie abgeben, aber zu sich selbst verewigenden Bürokratien werden, die von Blau verwaltet und von Orange ausgebeutet werden.
Grün kann sich als Türkis maskieren. Leicht bildet man sich in Grün eine erhöhte Aufmerksamkeit und Verbindung zu höheren Ebenen des Verstehens ein um damit in feineren ätherisch distanzierten grünen Milieus Eindruck zu erwecken. Obwohl in solchen Gruppen ständig von „wir, uns und unser“ die Rede ist, blickt man in dieser alles andere als gesunden Form von Grün auf jeden hinunter, der nicht das eigene ätherische Interesse und die eigene Fachsprache teilt.
Das Selbstwertgefühl hängt stark von den Botschaften aus dem eigenen sozialen Netzwerk ab. In Grün ist es wichtiger, gemocht und akzeptiert zu werden, als zu gewinnen oder materiell zu profitieren. Dem entspricht die große Toleranz in der grünen Gruppe, in der Unterschiede und alternative Lebensformen und Verhaltensweisen solange legitimiert werden, wie sie niemanden schädigen. Extreme Ausprägungen von Grün führen auch zu der „Gefühlsduselei“, die Polizeibeamte, die eine klare blaue Version von Gut und Böse vorziehen, oft als „Sozialarbeitertypen“ kritisieren.
Zu den exzessiven Ausprägungen des grünen Wertemems gehören der romantisierende Mythos des „edlen Wilden“ und Filme wie „Der mit dem Wolf tanzt“. Wer die Welt durch den grünen Filter sieht, beraubt die Menschen ihres vollen Potentials an Wertememen und bekommt ein falsches Bild von der Realität. Die elitäre Vorstellung, es gäbe keine üblen Burschen, sondern nur missverstandene und fehlgeleitete Jugendliche kommt in Grün ebenso vor, wie die felsenfeste Leugnung, dass der Verstand mancher Menschen durch fortlaufende schlechte Behandlung irreparabel „zerbrochen“ sein könnte.
In einem schwachen Grün kann ein rücksichtsloser Hang zum Strafen entstehen, wo es gar nicht zu der Überlegung kommt, ob man jemandem eine zweite Chance geben soll, sondern nach dem Motto verfährt: „Drei Versuche und das wars“, Gerechtigkeit steht nur den ökonomisch Bevorzugten und erwiesenen wahren Gläubigen zu, sonst niemandem.
Häufige Konflikte zwischen Menschen unter dominierendem Einfluss von Grün und doktrinärem Blau entstehen durch unterschiedliche Gewichtung von Gefühlen einerseits und Glaubensvorstellungen andererseits. Es finden sich aber auch in der Kombination gesundes Blau mit gesundem Grün sehr liebevolle Menschen, die fest in starken Glaubensvorstellungen wurzeln, die ihren Gegenübern die vollständige und freie Äußerung gewähren können.
In der Ausgangsphase von Grün nehmen die Zweifel an der Effektivität des Kollektivismus zu und die Individualität fordert erneut ihr Recht. Allerdings fühlt man nun eine persönliche Kraft, die durch den Verstand, der in den Kosmos hinaus greifen kann, entsteht. Dabei ist es von nachgeordneter Bedeutung ob dieses in der Gruppe geschieht oder nicht. Spiritualität und die Gesetze des Ultrakleinen verbinden sich und lassen die bisher in der ersten Ordnung der Entwicklungsspirale im Vordergrund stehenden Subsistenzfragen weniger wichtig erscheinen.
Erste Zweifel innerhalb des grünen Wertemems entstehen, wenn das Pendel von außen als Ort der Kontrolle zurück zum individuellen, eliteorientierten Orange schwingt. Eine Bilanz der Lebensbedingungen macht deutlich, dass die ökonomischen Kosten und der Verbrauch an menschlicher Energie zur Gewährleistung der in Grün gebotenen Fürsorge problematisch sind. Es wird bewusst, dass es nicht länger möglich ist, allen etwas zur Verfügung zu stellen, ohne irgendeinen Beitrag außer die schlichte Anwesenheit bei der Austeilung zu verlangen. Noch offensichtlicher wird dies, wenn lockere Einwanderungs-bestimmungen die Liste der Bedürftigen anschwellen lässt. Die in den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den USA durchgeführten Programme aus grünen Ideen, die von Orange eingeführt wurden und von Blau geregelt wurden, wie auch der Sozialismus der nordeuropäischen Staaten, der normalerweise aus Grün kam, von Blau eingeführt wurde und von Orange unterstützt wurde haben keine nachhaltigen Lösungen der Probleme gebracht.
In den Möglichkeiten der Entwicklungsspirale betrachtet wird es umfassende gleichzeitige Veränderungen in den genannten Staaten geben, die sich bereits im politischen Kräftespiel ansatzweise zeigen. Es kann hierbei zu Regressionen in habgieriges Orange, rücksichtsloses Blau oder tumultartiges Rot kommen. Leitgedanke in dieser Ausgangsphase von Grün ist, dass die Zeit und die Ressourcen effektiver genutzt werden können, wenn das gemeinschaftliche System nicht so abgeschottet und anspruchsberechtigt ist. In diesem Umbruchprozess gelingt es grünen sozialen Einheiten manchmal, ihre Stakeholder in einer dauerhaften Beziehung zusammenzuhalten. Allgemein fällt es dem auf Konsens und langwierige Entscheidungsprozesse angelegten Grün schwer, dem raschen Umbruch in veränderten Bedingungen mit angemessenen Strategien zu begegnen.
In GRÜN/Gelb kommt das Selbst wieder stärker zum Vorschein. Es ist nun wieder möglich, neben „wir“ und „uns“ auch „ich“ und „mir“ zu sagen. Dem Selbst stehen nun auch Alternativen durch den Wechsel zu anderen Gruppen offen. man sieht sich um und kehrt ohne Probleme in die alte Gruppe zurück, wenn der „Ausflug“ kein günstiges Resultat erbringt.
Der Übergang zu Gelb erfolgt, wenn der Einzelne wieder Dinge allein und gut erledigen kann und der kollektive Prozess im Vergleich hierzu nur hinderlich wäre. So werden die alten Lebensbedingungen des Kollektivs allmählich zur Geschichte und persönliche Urteile, welche die gesamte Spirale überblicken, beginnen den grünen Relativismus abzulösen. Gleichzeitig ergeben sich neue Möglichkeiten zur Realisierung neuer Projekte im Gruppenzusammenhang oder als persönliche Leistungen. Der Einzelne lernt, mit Vielfalt und Komplexität umzugehen. Ein bisschen Disharmonie erscheint nun natürlich und die eigene Toleranz für offene Widersprüche nimmt zu. Es schwindet die Angst vor Gewalt, vor dem persönlichen Versagen und vor der Einsamkeit, die Endlichkeit des eigenen Lebens wird akzeptiert. Auf der anderen Seite wächst die Neugier darauf, was es heißt, einfach in einem ausgedehnten Universum zu leben. Die Gruppe kann nun aus einer neuen Perspektive gesehen werden und die Zugehörigkeit frei gewählt werden. Am Horizont erscheinen die Anzeichen größerer Aufgaben, mit denen keine Gemeinschaft mehr innerhalb des eigenen Rahmens fertig werden kann.
7. Gelb
Der Übergang von GRÜN zu GELB ist für die Evolution des Menschen von besonderer Bedeutung. Mit GELB wird die erste Stufe der zweiten Ordnung innerhalb der Entwicklungsspirale erreicht. Während Probleme in Wertememen der ersten Ordnung jeweils die Probleme der vorangehenden Wertememe innerhalb der Entwicklungsspirale einschlossen und oft gemeinsam aktiv sind, unterliegen die Wertememe der zweiten Ordnung nicht diesen Abhängigkeiten. Unter den Lebensbedingungen von GELB beginnen die Wertememe fast wieder von vorn, ähnlich wie ein musikalisches Thema, das in einer anderen Tonart wiederholt wird. Die Wertememe der zweiten Ordnung können mitarbeiten, ohne mitzusingen. Sie führen eine Komplexität ein, die den Problemen, die aus den Mega-Unternehmen und Mega-Städten in Staaten mit Mega-Bevölkerungsmassen entstehen ein neues Denken mit adäquaten Lösungen entgegenstellen können. Clare Graves schrieb bereits hierzu: „Es (Anm.: das grüne System) muss zusammenbrechen, um die Energie für den Sprung in das G-T-(Anm.: gelbe) Stadium, die erste Ebene des Seins, freizusetzen. An diesem Punkt befindet sich die Avantgarde der Menschheit heute.“ (zitiert nach Beck/Cowan, „Spiral Dynamics“)
Die Forderungen, die von GELB gestellt werden sind
- Akzeptanz der unausweichlichen Strömungen und Formen der Natur
- Konzentration auf Funktionalität, Kompetenz, Flexibilität und Spontaneität
- natürliche Mischung konfligierender „Wahrheiten“ und „Unsicherheiten“
- persönliche Freiheit, ohne andere zu schädigen oder das Eigeninteresse zu übertreiben
- Öffnung für die Fülle des Lebens auf einer Erde, die von großer Vielfalt geprägt ist, in unterschiedlichen Dimensionen
- integrative, offene Systeme
Ausgangslage für GELB ist der Zustand der Erde, der als großes Durcheinander, hervorgerufen durch die ersten sechs Wertesysteme der Entwicklungsspirale, vor uns liegt. Die Lebensfähigkeit unseres Heimatplaneten muss erneuert werden.
In der Eingangsphase von GELB ist das Bestreben nach Geborgenheit und Seelenruhe innerhalb der grünen Gruppe noch wach. Es ist jedoch durch das erwachende Interesse an einem interaktiven Universum zurückgedrängt worden. Die in Grün erworbenen Fähigkeiten bleiben erhalten, üben jedoch keine Macht mehr aus. Die Meinung anderer übt keinen Druck mehr aus, sondern wird als interessant zur Kenntnis genommen. Der begriffliche Horizont erweitert sich enorm und schafft einen Zuwachs an Handlungsfreiheit. Einzelne und Gruppen erfüllen die gestellten Aufgaben in der Regel schneller und mit geringerem Aufwand, wobei die Qualität der Arbeit gesteigert wird. Diese Wirkungen zeigen die Aktivierung von bislang ungebundenen Gehirnfähigkeiten an.
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Bild: Informationsnetz des Worldwide Web (Quelle: Wikimedia Commons) |
Das gelbe Wertemem ist latent in jedem Menschen vorhanden. Es ist in der gegenwärtigen Phase der Geschichte bisher nur in geringem Umfang zum Tragen gekommen, weil die entsprechenden Lebensbedingungen bislang nicht genügend scharf hervorgetreten sind. Der Übergang von Grün nach GELB führt zu Paradoxa und Unsicherheiten, die auszuhalten jedoch für Menschen auf dem Level der zweiten Ordnung kein Problem darstellen, sondern im Gegenteil eher eine Bereicherung des Lebens bedeuten. Mit nachlassendem Einfluss von Grün gewinnen die 6 Wertememe der ersten Ordnung in Gelb den Charakter vieler möglicher Herangehensweisen an die neuartigen Probleme der zweiten Ordnung. Sie alle haben in ihrer gesunden Form die Fähigkeit, die Integrität der Entwicklungsspirale aufrechtzuerhalten. Jedoch gibt es nun keine Tabus mehr, alles wird überprüft um die Funktionalität zu steigern.
In der Eingangsphase von GELB gibt es zwar keinen Dogmatismus mehr, jedoch bleibt die Rigidität aus Grün zunächst noch erhalten. Persönliche Freiheiten und Vielfalt stehen in Widerspruch zum Teamgedanken.
Erst auf dem Höhepunkt von GELB gelingt der Durchbruch zur umfassenden Anerkennung aller bisher erkannten menschlichen Systeme. Sie werden nun als dynamische Kräfte gesehen, die, wenn sie gesund sind, zur Fortentwicklung der gesamten Spirale beitragen.
Der Zustand der Erde, der das Erwachen des gelben Wertemems möglich und erforderlich macht, ist vergleichbar mit dem erwachenden Bewusstsein des Menschen auf der Stufe beigeähnlicher Überlebensfragen, jetzt allerdings in der Konfrontation mit den Trümmern und der Pracht aller menschlichen Systeme der ersten Ordnung in der Entwicklungsspirale. Die am Ende dieser Ordnung erreichte Komplexität bringt neue Dimensionen der Lebensbedrohung aber auch neue Möglichkeiten zur Abwendung dieser Gefahren in GELB hervor. Eine neue Zeit ist angebrochen, die ein neues Denken erfordert und neue soziale Prioritäten sowie neue Prozesse der Entscheidungsfindung mit sich bringen wird.
Durch die neue Perspektive in GELB wird es Menschen ermöglicht, sich in der Werteordnung der Spirale mühelos nach oben oder nach unten zu bewegen. Hierdurch entsteht ein Gefühl für die Schichtung der Wertememe und die aufeinander aufbauenden dynamischen Kräfte der Entwicklungsspirale werden nun auch zunehmend von breiteren Schichten der Menschen unterschiedlicher Kulturen anerkannt. Auf dieser Basis müssen zunächst die Gesundungsprozesse in den jeweils passenden Wertesystemen eingeleitet werden. Hierfür stehen die gelben Intelligenzen und Ressourcen bereit, und nur diese sind aufgrund ihrer komplexen Herangehensweise in der Lage, die Weltsichten, Ausdrucksweisen, Gebräuche und Kulturen in diesem Prozess zu achten.
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Bild: einfaches Kreiselinstrument (Quelle: Wikimedia Commons) |
Der Mensch unter dem Einfluss des gelben Wertemems handelt aus einem inneren Kern heraus. Wie ein Gyroskop (Kreiselinstrument), das technische Geräte in die Lage versetzt, das Gleichgewicht unter turbulenten Bedingungen zu halten, dreht sich der innere Kern des menschlichen Selbst in einer turbulenten paradoxen Welt. Solche Menschen verfügen über ein hohes Ethos, das sie wohl überlegt gewählt haben. Sie lassen sich keine strengen Regeln auferlegen, die auf äußeren Dogmen oder der Vollmacht einer Autorität basieren. Für sie besteht keine emotionale Abhängigkeit mehr von der Gruppe (wie in Grün), sie räumen jedoch bereitwillig ein, dass sie auf die Unterstützung Anderer angewiesen sind. Man hört und reagiert – bildlich gesprochen – auf die Schläge seines eigenen Trommlers. Die Prüflatte des Verhaltens legen nicht Andere an, sondern man misst sich an dem eigenen Maßstab. Und wer wüsste nicht, dass dieser genauer ist, als jeder Andere? Die in GELB gelungene Befreiung von Zwängen und Ängsten ermöglicht Menschen in GELB, eine kontemplative Haltung einzunehmen und Wirklichkeiten rational einzuschätzen. Je nach Situation und Erfordernis funktionieren sie allein oder in der Gruppe.
Diese Eigenschaften wurden von Clare Graves empirisch belegt. Sie beruhen nach Graves Auffassung auf einer Existenzethik, die in Wissen und der Wirklichkeit verankert ist. Werte wohnen der Natur des Lebens selbst inne. Hierin sieht Graves ein fundamentales, natürliches Gesetz. Eine theoretische Untermauerung ist ausgehend von dem Denken bei Kierkegaard durch die Existenzphilosophie möglich. Für Graves zählt jedoch nicht so sehr die Theorie, sondern die Einpassung in die bestehenden Zu- und Umstände. „Was heute richtig ist, muss es morgen nicht unbedingt sein“. „Wenn es realistisch ist und den Umständen entspricht, glücklich zu sein, dann ist es gut, glücklich zu sein.“ Ausgehend von dieser Situationsgebundenheit relativiert sich nach Graves auch das Ideal der Demokratie, das unabhängig davon, ob es zu den herrschenden Wertememen passt oder nicht, vergöttert wird.
Offensichtlich setzt das Anforderungsprofil für ein Leben unter gelbem Einfluss hohe Hürden. Die Existenz in GELB setzt jedoch keinen besonders hohen Intelligenzquotienten oder formale Bildungsabschlüsse voraus. Vielmehr zählen das gewusst wo und wie der Informationsbeschaffung, geistige Energie und Disziplin, geistige Aufgaben zu erfüllen und ein Gefühl von Ehrfurcht und spielerischer Freude allem Neuen gegenüber. Die schon lange bekannten Parolen vom lebenslangen Lernen bekommen hier ihre praktische Bedeutung. Eine dringend erforderliche Erneuerung des Schulsystems in Deutschland sollte sich für einen gelb-spezifischen Lernstil öffnen.
Unter GELB bekommt Freiheit einen neuen Sinn, indem die Menschen sich von den Fesseln der Vergangenheit und den Erwartungen ihrer Umgebung befreien und sich für neue Einsichten und Richtungen öffnen. Dabei werden sie das gute bewahren und verbessern und überflüssige alte Zöpfe abschneiden, jedoch ohne dabei arrogant oder selbstzufrieden zu wirken. Man orientiert sich an dem Notwendigen. In einem geschlossenen Zustand des GELB erscheinen die unter seinem Einfluss stehenden Menschen gefühllos bis rücksichtslos. In gesundem offenem Gelb dagegen passt man sich den jeweils in dem aktiven Wertemem herrschenden Gefühlsregungen an.
Nach und nach werden die in der ersten Ordnung der Spirale üblichen Zeichen der Macht verschwinden. An ihre Stelle werden minimalistische Strukturen treten, die dem geflügelten Wort folgen „minder ist oft mehr“. Autorität ist nur kontextabhängig zu verstehen. Überhaupt ist es das Ziel von GELB, in allen Wertememen der ersten Ordnung Angemessenheit herzustellen. Man erkennt die Unausweichlichkeit der sich entfaltenden Abfolge menschlicher Wertememe, aber auch die Notwendigkeit die von ihnen hervorgebrachten Wertesysteme zu kontrollieren. So wie der aufsteigende Taucher durch verschiedene Stadien der Dekompression gehen muss, müssen Menschen verschiedene menschliche Systeme innerhalb einer zeitlich festgelegten Entwicklungsfolge durchmachen.
Don Beck und Christopher Cowan geben in ihrem Buch folgende Anzeichen für das Erwachen des gelben Wertemems an. Das volle Spektrum dieser Merkmale wird wohl nur in Gruppen auftreten und selten einen einzelnen Menschen betreffen:
- Abneigung, viel Kraft auf oberflächliche Nettigkeiten zu verwenden, es sei denn, sie sind für andere Anwesende von Bedeutung;
- vergeudet keine Zeit mit Machtspielchen, sinnlosen Interpretationen, erfundenen Bedeutungsebenen oder semantischen Trivialitäten;
- schätzt gute Inhalte, klare Informationen und offene Kanäle, um unter selbst gewählten Bedingungen und in einer Haltung offenen Fragens und Entdeckens mehr in Erfahrung zu bringen;
- bevorzugt angemessene Technik, minimalen Verbrauch und die bewusste Anstrengung, Verschwendung und Wirrwarr zu vermeiden;
- benötigt keinen Status, Exhibitionismus oder die Zurschaustellung von Macht, es sei denn die Lebensbedingungen verlangen nach Macht;
- genießt menschliche Neigungen, ohne jedoch ihr zwanghafter Sklave zu werden;
- sorgt sich um große Zeiträume, nicht so sehr um seine eigene Lebensspanne oder die anderer Menschen;
- drückt offen seinen Ärger oder sogar seine Feindseligkeit aus, doch werden Gefühle eher intellektuell als emotional gesteuert oder gar auf manipulative Weise angewendet;
- sieht das Leben als eine von Höhen und Tiefen, von Problemen und Lösungen geprägte Reise, so dass Chaos und Ordnung als normal akzeptiert werden;
- ersetzt alles, was künstlich oder gekünstelt ist, durch Spontaneität, Schlichtheit und eine „sinnvolle“ Ethik;
- verfolgt eine Reihe von Interessen und entscheidet sich unabhängig von Moden und den Wertungen anderer für das, was er/sie tut;
- kann nicht genötigt, bestochen oder eingeschüchtert werden, da es hier keinen Zwang zur Kontrolle oder den Wunsch, andere zu kontrollieren, gibt;
- wird die ganze Tonleiter von sanftmütig bis rücksichtslos und von konformistisch bis nonkonformistisch durchlaufen, je nachdem, welche Faktoren unter den gerade herrschenden Bedingungen wirksam sind und was für das Leben insgesamt von Bedeutung ist;
- findet sein zentrales Motivations- und Bewertungssystem in sich selbst und wird so relativ immun für Druck oder Urteile von außen.
GELB bestimmte Menschen wirken auf Menschen, die andernorts auf der Spirale ihren Schwerpunkt haben, irritierend. Von Purpur werden sie nahezu überhaupt nicht wahrgenommen, Rot erscheinen sie seltsam, aber immer noch für gelegentliche Begegnungen akzeptabel, Blau erscheinen sie unbeständig, respektlos und unscharf, Orange hält sie für unwillig, sich der Erreichung eines Ziels vollständig zu verschreiben und aus Grün betrachtet wirken sie cool und reserviert als würden sie Gefühle rationalisieren.
Man findet GELB geprägte Menschen oft auf unauffälligen Positionen, wo sie einzig durch ihre unheimliche Fähigkeit, komplexe Fragen zu lösen, auffallen. Ihnen steht das Potenzial der gesamten Spirale zur Verfügung und damit ist es ihnen möglich, eine Reihe einfallsreicher Verfahren zur Problemlösung zu entwickeln. Wesentlicher Bestandteil dieser Verfahren ist die Verpflichtung der agierenden Menschen in den untersuchten Systemen auf systematische, disziplinierte und lösungsorientierte Initiativen.
Für den Erfolg gelber Problemlösungen sind zwei Kompetenzen wesentlich: 1. Blockaden innerhalb der ersten Ordnung aufzuspüren und aufzulösen, so dass ein ungehinderter Fluss in der Spirale möglich wird; 2. Win-win-win-Ergebnisse zu entwerfen, indem vermeintlich sich widerstrebende Tendenzen verschiedener Wertememe auf eine neutralere Ebene gehoben werden und so für einen Überfluss sorgen, der als Manövriermasse zur Ausgestaltung von Nischen in den beteiligten Wertesystemen dienen. Durch das dritte „win“ wird ausgedrückt, dass in der angestrebten Lösung auch das übergeordnete Gut, die gesamte Gesellschaft und die natürliche Menschheitsspirale in den Verhandlungen zu einer Konfliktlösung berücksichtigt werden müssen.
In der Ausgangsphase von GELB kommt allmählich ein Bewusstsein zu Tage, dass gelb geprägte Menschen praktisch allein stehen und sich nur auf die Kraft ihres Wissens und ihrer Informationen, nicht aber auf Kollegen verlassen können. Es kommt ein neuer Gemeinschaftssinn auf, der die gelben Informationseliten ablösen wird. Es zeigt sich nun, dass die großen Fragen der Menschheit nicht von Einzelnen erfasst oder gar gelöst werden können. Es tauchen nun weitere Trends auf, wie zunehmende Spiritualität in den Wissenschaften,erhöhte Achtung für holistische Weisheit innerhalb der belebten Natur,statt „was“ und „wie“ wird nun „warum“ und „wer“ gefragt,die Suche nach den universalen Kausalzusammenhängen wird wieder aufgenommen, ein Gefühl für Gemeinschaftserfahrungen taucht wieder auf, dieses Mal ohne die emotionale Last des grünen Herumtastens,das Wissen entwickelt eine eigene Lebensweise, indem es darauf hinweist, dass der Fokus auf Teilchen und Einheiten von einem Verständnis von Gruppen, Feldern und Wellen abgelöst wird.
"Wenn das Universum mit einem großen Knall begonnen hat, wurde der Kolbenschlag, der ihn auslöste, vielleicht von einem Bewusstsein geführt." (Zitat Beck/Cowan)
8. Türkis
Mit TÜRKIS hat die Evolution ihren achten und vorerst letzten Schritt auf die Bühne der Evolution getan. Es ist noch etwas wackelig auf den Beinen und wir wissen noch nicht, ob es den festen Schritt wieder aufnehmen wird. Die Unsicherheit rührt zu einem erheblichen Teil daher, dass es noch allein dasteht und vor der Aufgabe steht, ein starkes Kollektiv aus Individuen zusammenzustellen und in Einklang zu bringen. Es schaut sich nach lebendigen Einheiten um, die als integrierte Systeme erkennbar sind. Hierbei stehen dem türkisen Wertemem neue Fähigkeiten von Geist und Gehirn zur Verfügung. Sein Selbst ist Teil eines größeren, bewussten, spirituellen Ganzen, das auch dem Selbst dient. Die globale Arbeit in Netzwerken, welche die gesamte Spirale einbeziehen, wird nun als Routine angesehen. Dieses wird möglich durch eine minimalistische Lebensführung, die dem Leitgedanken folgt: „weniger ist tatsächlich mehr“.
TÜRKIS entsteht, wenn die Probleme, die gelb geprägte Menschen unter den gelben Lebensbedingungen wahrnehmen, nicht von isolierten Einzelnen gelöst werden können. Die riesige Menge an unverarbeiteter Information erfordert eine Erneuerung der Ordnung und Synergie durch Zusammenarbeit. Das bedeutet konkret gemeinsames Handeln über Gruppen-, Fraktions- und Gemeinschaftsgrenzen hinweg um genug menschliche Energie zu versammeln, damit Lösungen von türkiser Komplexität gefunden werden. Die beschränkten Möglichkeiten in Gelb, die in der Beschränkung auf die individuelle Kraft bestanden, sind in TÜRKIS durch die vereinten Kräfte in der türkisen Gemeinschaft potenziert. Diese Gemeinschaften sind in der Lage, klare Akzente zu setzen und konzeptionell zu arbeiten. Mittels mikroelektronischer Verbindungen und spiritueller Bedürfnisse können sie ebenso arbeiten, wie ein oranger Mitarbeiterstab bei Kaffee und Brötchen bei seiner Montagmorgenbesprechung.
Durch das neu erwachende Gruppengefühl in TÜRKIS kommen Gefühle und Emotionen wieder stärker zu ihrem Recht. Die in den mittleren Bereichen der Spirale durch dogmatische Glaubenssätze und Kunstgriffe verwässerten Sinne und Fähigkeiten werden nun durch die Integration von Fühlen und Wissen fruchtbar gemacht. Dieser holistische Weg ist bereits seit langer Zeit in einigen alternativen Heilungssystemen erfahrbar und durch seine steigende und große Popularität gegen die Auffassung des medizinischen Establishments von erheblicher Bedeutung für das Gesundheitsbewusstsein der Menschen. Besondere Bedeutung haben solche holistischen, organischen, natürlichen und leicht mystischen Behandlungsformen für orange geprägte Menschen. Sie ziehen alternative Heilverfahren kalter orangegeprägter Technokratie in der modernen Apparatemedizin vor. In TÜRKIS wird das Verhältnis zur Alternativmedizin dagegen rationaler, hier ist Mystik gar nicht so mystisch.
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Bild: Entmannung des Uranus durch Cronos (Quelle: Wikimedia Commons) |
In der Eingangsphase von TÜRKIS wird die „Hardware“ – Geist und Gehirn -, als natürliche Ressource besonders geschätzt. Es taucht eine neue Art von Spiritualität auf, über die kein identifizierbarer Jemand die Kontrolle ausübt, sondern das Universum unterliegt nun einer vereinigenden Kraft und verschiedene Leitfäden erzeugen den Eindruck eines Bewusstseins. Für einen Teil der Menschen ist diese Kraft anthropomorphisch, andere wiederum erkennen sie nur durch ihr persönliches Bemühen, diese Kraft zu leugnen. In Gelb/TÜRKIS wird die folgerichtige Reaktion sein, zunächst einmal zu untersuchen und zu hinterfragen, was ist, während die Reaktion noch in Grün beheimateter Menschen sein wird, die neue Realität in das grüne Gruppenbewusstsein einzuflechten. Für Gelb/TÜRKIS bleibt die Vermutung und Erwartung bestehen, dass mehr da ist, als man je sehen oder wissen wird.
Prozesse, die bereits in der Ausgangsphase GELB/Türkis ansatzweise erkennbar waren, finden nun ihren Abschluss. Das Wirtschaftsleben hat wieder eine Seele und die Kluft zwischen Wissenschaft und Metaphysik schließt sich. Mit wachsendem TÜRKIS werden die in Gelb aufgetretenen Probleme gelöst. Dabei geht es beispielsweise um solche Fragen, wie man Afrika in die Moderne führen kann, ohne erneut die typischen Probleme von Orange hervorzubringen, wie man das ehemalige Jugoslawien oder Vorderasien in eine Weltordnung einfügt oder wie man die ökonomischen, rassischen und bildungsbedingten Probleme innerhalb der USA löst ohne die schädlichen Folgen einer Weltherrschaft der Uno oder Chinas heraufdämmern zu lassen.
Im voll entwickelten Türkis lernt man nicht nur durch Beobachtung und Teilnahme, sondern auch durch Erfahrung, nur zu sein. Man vertraut der Intuition und dem Instinkt, die von früheren Wertememen auf einer neuen Ebene reaktiviert werden. So wird es möglich, dass der Geist sowohl mit dem bewussten als auch mit dem unbewussten Selbst als Teilnehmern arbeitet. Es scheint nun so, als würden sich verdrängte Sinnesfähigkeiten aus sehr alten Wertememen mit Aspekten unseres Selbst verbinden. Gleichzeitig werden bisher ungenutzte Ressourcen in unserem Gehirn und unserem Geist aktiviert. Aus diesen Veränderungen werden wiederum keine besseren, netteren oder intelligenteren Geschöpfe hervorgehen. Was den fortgeschrittenen Menschen auszeichnet, wird ein weiter gespanntes Denken und ein größeres Repertoire an Verhaltensmöglichkeiten sein. Der forschende Blick wird dabei weiter in die Tiefe sehen – doch Glück und Tugend sind auch dort nicht garantiert.
Auf dem Höhepunkt von TÜRKIS bewegt sich das türkise Wertemem wie bei Gelb auf fließende Art zwischen den anderen Wertesystemen, jedoch versteht man die Gesamtheit der Spirale hier besser als in Gelb und man nutzt ihre Ebenen auf eigene Initiative und holistisch, da die Gruppe der kollektiven Wertememe stark ist.
In einer türkisen Weltsicht gibt es miteinander verknüpfte Ursachen und Folgen, interagierende Energiefelder und Abhängigkeits- und Kommunikationsebenen, die bisher erst wenige Menschen entdeckt haben. Sie führt zu einem Denken, dass alles auf einmal sieht und erst dann entsprechend zum Handeln führt. An erster Stelle stehen kollektive Imperative und vielfältige Interdependenzen.
Im Unterschied zu Gelb, wo man versucht, die einzelnen Entitäten zu einem Netzwerk und Ebenen zusammenzufügen, spürt man in TÜRKIS die Energiefelder, die dies alles natürlicherweise einhüllen, umfließen und durchströmen. In Gelb verbindet man die Punkte, wohingegen man in Türkis die so entstandenen Flächen in der „Kunst“ aller Farben und Schattierungen ausfüllt, so dass das Bild lebendig wird. Oder man kann sagen, dass man sich im gelben System die Hände schmutzig macht, um mit dem Chaos umzugehen, während man im türkisen kollektiven System einen Schritt zurück tritt und eine neue Form von Ordnung schafft. Hierbei kann es sinnvoll sein, die in Gelb angelegten Paradoxa weiter zu entwickeln und die elegante Ordnung aufzuspüren um diese Vielfalt auf neue Weisen nutzen zu können.
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Bild: Die Erde aus dem Weltraum fotografiert (Quelle: Wikimedia Commons) |
In TÜRKIS entsteht eine Gaia-Sichtweise, die alle Formen des Lebens in gleicher Weise achtet. Die Erde selbst wird als ein einziges Ökosystem gesehen. Individuen existieren nicht voneinander getrennt, und ebenso wenig wird nationalen Grenzen, ethnischen Besonderheiten oder den Privilegien von Eliten gestattet, Menschen auf destruktive Weise voneinander zu trennen. Wer mit diesem Wertemem denkt, befindet sich in einer Beziehung zum kollektiven Anderen, nicht nur zum kollektiven Selbst. Der Schritt von Gelb/TÜRKIS zu TÜRKIS scheint einer von „lernen über…“ und „in Verbindung treten mit…“ zu einem Einswerden des Einzelnen im Verschmelzen mit dem Vielen zu sein. Diese gemeinschaftliche/kollektive Arbeitsweise schärft die Sinneswahrnehmung und erhöht zugleich die Aufmerksamkeit für die mannigfaltigen Zustände von Zeit und Raum.
Türkises Leben und die entsprechende Theologie besteht aus Fraktalen. Obwohl man sein lückenhaftes Wissen bereitwillig eingesteht, glaubt man von Neuem, dass eine große Vereinigung möglich ist und sich irgendwie alles mit allem verbindet.
Durch TÜRKIS kommt es in der Entwicklungsspirale zu einer erneuten Aktivierung der „Wir“-Seite. Die äußeren Wirkungen dieses Richtungswechsels könnten in einem globalen Tribalismus bestehen, der Aufteilungen der Welt in großem Maßstab nach sich zieht, wie etwa die schwarze, gelbe, rote, braune und weiße Rasse als Blöcke; die Bewohner einer hemisphärischen oder kontinentalen Almende, die wie Superclans Komplotte gegen Rivalen schmieden; oder blaue Ideologien – religiöse, politische oder beides zugleich -, die Verbände nach dem Kriterienpaar Zugehörigkeit/ Ausschluss bilden, welche zwar Ozeane überbrücken, aber Ungläubige ausschließen. Diese Perspektiven lassen einen weiteren Richtungswechsel hin zu einem „Ich“-betonten Wertemem möglich erscheinen. Dieser könnte seine Kraft aus den skizzierten Problemen ziehen, die zentralisierte Kommando- und Kontrollstrukturen erfordern.
In TÜRKIS steht man ehrfurchtsvoll vor der kosmischen Ordnung, den schöpferischen Kräften, die vom Urknall bis zu den kleinsten Molekülen existieren. Die türkise Lebenserfahrung zeigt, dass man nie alles wissen oder verstehen kann. Wirklichkeit kann nur erfahren, nie gekannt werden. Wer von diesem Bereich geprägt ist, vermeidet Beziehungen, in denen andere zu dominieren versuchen. Für Menschen in TÜRKIS ist es ein Leichtes, einen Schritt zurückzutreten, nachzudenken und dann erfrischt mit einer neuen Perspektive zurückzukehren. Während das Ego auf den Spiralebenen der ersten Ordnung noch den Antrieb gab, ist es hier praktisch nicht vorhanden getreu der Devise „Es gibt nichts Wichtigeres als das Leben als solches, aber mein Leben ist unwichtig“.
Der Hauptbeitrag von TÜRKIS in der Entwicklungsspirale liegt darin, dass es eine Übersichtsperspektive beisteuert, die zu einem Handeln im Interesse der gesamten Spirale und all ihrer Teile führt.









